Dinge, die ich mir nicht mehr merke

Ein englisches Sprichwort sagt:

A short pencil is better than a long memory. („Ein kurzer Bleistift ist besser als ein gutes Gedächtnis.“)

Auch David Allen mit seinem „Getting Things Done“ (GTD) ist ein grosser Fürsprecher, alles zu notieren, was einem durch den Kopf schwirrt, besonders die mentalen Unterbrechungen („Oh, ich muss noch unbedingt…“ oder „oje, ich darf morgen nicht vergessen…“).

Der Hintergrund: Der Kopf ist zum Denken da und keine externe Festplatte. Das heisst: Eigentlich schon, aber eine sehr unzuverlässige. Deshalb versuche ich, so viele Dinge wie möglich – und sinnvoll! – aus meinem Kopf zu verbannen.



Was ich nicht mehr im Kopf speichere

Die Liste ist lang, hier ein paar Beispiele:

  • Meine Ziele
  • Meine Werte inklusive Ausdeutschung: Was bedeuten diese Werte für mich?
  • 100 Gründe, weshalb ich tue, was ich tue: Dies und die letzten beiden Listen hängen in meiner Motivationsecke. Auch trage ich diese Dinge in Kleinstausführung immer bei mir.
  • Lebensbereiche: Wie beurteile ich meine Lebensbereiche, was könnte ich verbessen, was wünsche ich mir?
  • Rollen: Welche Lebenshüte trage ich? Welche kann oder möchte ich nicht mehr tragen?
  • Vorbilder: Wen bewundere ich und weshalb? Auf dieser Liste stehen keine bekannten Persönlichkeiten, sondern Menschen aus meinem Umfeld, von denen ich viel lernen kann.
  • Zitate
  • Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen: Was hier etwas banal klingt, hat man bis vor wenigen Jahren noch im Kopf gespeichert. Zumindest die wichtigsten Telefonnummern und Adressen. Mehr dazu weiter unten.
  • Passwörter: Die sind in einem speziell gesicherten Programm gespeichert (1Password).
  • Wunsch-Reiseziele
  • Ideen
  • Bücher, die ich gerne lesen möchte
  • Reisecheckliste: Vor jeder Reise zücke ich diese Checkliste und kann so in sehr kurzer Zeit meinen Koffer packen, ohne etwas zu vergessen und ohne zu überlegen, was ich hätte vergessen können.
  • Anregende Fragen rund ums Zeitmanagement: Zum Beispiel: Wie schnell setzen Sie neue Ideen um?
  • Eine Liste, die mit dem Teilsatz „Zeitmanagement ist…“ beginnt: Anschliessend folgen pro Zeile das Satzende (z.B. „…Fokus.“ oder „…Aufgaben die Dringlichkeit zu geben, die sie verdienen“ oder „zielgerichtet zu arbeiten„).
  • Fragen an Personen, die ich nur von Zeit zu Zeit sehe: Beispielsweise Fragen an einen Steuerberater, den ich im neuen Jahr treffen will.
  • Erfolge: Ich habe eine Datei, in der ich meine (persönlichen) Erfolge in Stichworten festhalte (z.B. „110822 (=Datum), Buch X und Y gelesen (Speedreading)“ )

Das ist nur ein Ausschnitt, damit Sie sehen, was ich mir so alles notiere. In der Regel nutze ich dazu ganz einfache Text-Dateien und weiche nur in Spezialfällen (z.B. für mein „normales“ Tagebuch) auf Spezialprogramme aus.


Über das Gedächtnis

Ab und zu frage ich mich dann allerdings, was das für Folgen hat. Ich glaube zwar (ein Glaubenssatz?), dass ich ein schlechtes Gedächtnis habe. Mit Mnemotechniken kann ich mir aber wiederum Dinge merken, die sich viele nicht merken können. Trotzdem habe ich einen grossen Teil meines Gedächtnisses ausgelagert, wie es heute völlig üblich ist. Schliesslich ist es unmöglich, all das im Kopf zu behalten, auf was man Zugriff haben muss.

Vor ein paar wenigen Jahren gab es viele Menschen, die beispielsweise viele Telefonnummern und Adressen im Kopf speichern konnten oder über eine sehr grosse Allgemeinbildung oder ein grosses Wissen verfügten. Diese Menschen wurden oft bewundert. Heute scheint eine Schlüsselqualifikation zu sein, schnell und effizient an die relevanten Informationen heranzukommen (mit Hilfe von Google oder des Internets) und diese dann sofort in eine Handlung umsetzen zu können.

Ich schreibe das völlig neutral und stelle eine Entwicklung fest, die ich persönlich zwar begrüsse, deren Auswirkungen aber noch ziemlich offen sind. Was heisst denn das genau für einen Menschen, wenn er nicht mehr trainiert, sich Dinge zu merken? Was heisst das für eine Gesellschaft und für eine Kultur, wenn die individuellen Gedächtnisse so stark entlastet sind? Was hat das alles für Folgen?

Spannende Fragen, die die Zeit wohl beantworten wird. Wie sehen Sie das?

Die Idee dieses Artikels und das Sprichwort zu Beginn stammen von Steve Pavlina.

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Ivan Blatter

Über Ivan Blatter

Ich bin Personal Trainer für neues Zeitmanagement und zeige meinen Kunden, wie sie ihre Produktivität verdoppeln und mehr erreichen, ohne sich dabei auszulaugen.

Ich helfe einerseits Solopreneuren und Unternehmern, ihr persönliches Zeitmanagement zu verbessern, so dass sie ihr volles Potential umsetzen können für ein erfolgreiches Business mit mehr Freude und Motivation. Andererseits unterstütze ich Unternehmen dabei, die Produktivität ihrer Teams zu erhöhen und so die Ziele schneller zu erreichen.

So einfach wie möglich, immer persönlich und individuell.

1 Gedanke zu “Dinge, die ich mir nicht mehr merke”

  1. Ein Thema, mit dem ich mich auch schon viel beschäftigt habe.

    Prinzipiell steigt durchs Auslagern der Komfort, es hat aber auch einen Nachteil: Wenn die Speichersysteme zicken, gibt’s Probleme. Ein Anlass für mich, ein paar Dinge doppelt festzuhalten, z.B. wichtige Telefonnummern auch auf einem Zettel in meiner Geldbörse mitzunehmen, falls das Handy ausfällt.

    Die Fülle an Informationen verlangt geradezu nach Filtern und Auslagern, ansonsten würden wir wohl wahnsinnig werden. Dennoch müssen wir Prioritäten setzen – wer alles auslagert, wird lebensunfähig. Altes Wissen hilft uns, Neues einzuschätzen – wer kein Wissen hat, muss sich auf Google und Wikipedia verlassen.

    Wohin die gesellschaftliche Entwicklung geht, hängt aus meiner Sicht davon ab, was wir in Zukunft als wichtig und speicherwürdig einstufen werden und womit wir uns intensiv beschäftigen. Das Hirn merkt sich nach wie vor die Dinge, die es übt, und die uns wirklich beeindrucken.

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