Die Inselstrategie: Was tun mit Wartezeiten?

In meinem letzten Artikel „So erleichtern Sie sich Ihr Leben“ habe erzählt, wie ich vor ein paar Wochen am Samstag an der Supermarkt-Kasse Geduld üben konnte und versucht habe, meine Stimmung zu beeinflussen. Ich habe die Zeit mit E-Mails beantworten und Blogs lesen verkürzt, was dann einen Kommentar von Alex provoziert hat, in dem er zurecht darauf hinweist, dass man in der Warteschlange auch meditieren oder affirmieren kann. Recht hat er!

Rein „zufällig“ (ich glaube nicht an Zufälle) habe ich diese Woche einen interessanten Artikel auf LifeDev gefunden, nämlich „Finding Stress-Reducing Idle Moments„. Der Autor Albert van Zyl plädiert darin, diese Momente der erlaubten Untätigkeit auch wirklich dafür zu nutzen, nämlich untätig zu sein. In unserer Gesellschaft, in der man ständig beschäftigt sein muss oder wenigstens beschäftigt aussehen muss, ist Untätigkeit dann erlaubt, wenn sie durch etwas Nützliches sozusagen maskiert oder bedingt ist. Also etwa wenn man darauf wartet, bis etwas endlich herunter geladen ist oder wenn man auf ein Taxi wartet. Dann ist Untätigkeit erlaubt.

Albert von Zyl versucht nun, diese Momente der erlaubten Untätigkeit nicht sofort zu füllen, sondern sie bewusst zur Untätigkeit zu nützen. Wenn der PC startet, schaut er mit einem Kaffee in der Hand zum Fenster hinaus, wenn er auf seine Partnerin und Kinder warten muss, liest er entspannt in einem Buch und wenn er auf den Wasserkocher warten muss, geniesst er ein paar Minuten Kontemplation.

Anstatt also dann schnell einen Anruf zu machen, eine SMS zu schreiben oder die E-Mails abzurufen, nutzt er diese Momente als willkommene kurze Anti-Stress-Inseln.

Eine sehr schöner Artikel. Es gibt also zwei Strategien, mit solchen Zeiten umzugehen:

  1. Die iPhone-Strategie: Nutze die Zeit, die sonst nur vergeudet wäre, und tue etwas, was Du sowieso tun musst oder möchtest.
  2. Die Insel-Strategie: Suche Dir jeden Tag kleine Inseln, wo Du untätig sein darfst, und geniesse diese Minuten zum Abschalten.

Ich denke, beide Strategien haben ihre Berechtigung und – wie so oft – geht es um das Gleichgewicht. Das eine schliesst das andere nicht aus, besonders wenn es im eigenen Tagesablauf viele solche Zeit der Untätigkeit gibt. Manchmal bin ich froh, dass ich in der Strassenbahn zu einem Termin abschalten, den Leuten zusehen und einfach meinen Gedanken nachhängen kann. Manchmal bin ich aber auch froh, dass ich ein paar E-Mails lesen und beantworten kann, damit das erledigt ist.

Stressabbau hat viel mit Hören und Beobachten zu tun, nämlich zu hören, was ich wirklich brauche und was meine Bedürfnisse im Moment sind. Der negative Stress, der nur belastet, baut sich nicht schlagartig auf, sondern über viele Wochen und Monate verteilt. Ich kann problemlos ein paar Tage hintereinander mit wenig Schlaf und viel Arbeit zurecht kommen, aber nicht über Wochen und Monate. Irgendwann kommt die Quittung und der Körper rebelliert. Deshalb ist es wichtig, dass immer ein Gegengewicht zum Stress besteht. Wann ein Gegengewicht wieder nötig ist, kann man problemlos herausfinden, wenn man eben in sich hineinhorcht. Jede und jeder von uns weiss selber am besten, was für sie/ihn gut ist – wenn man es denn zulässt. Die Insel-Strategie kann dabei ein kleines Puzzleteil sein.

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Ivan Blatter

Über Ivan Blatter

Ich bin Personal Trainer für neues Zeitmanagement und zeige meinen Kunden, wie sie ihre Produktivität verdoppeln und mehr erreichen, ohne sich dabei auszulaugen.

Ich helfe einerseits Solopreneuren und Unternehmern, ihr persönliches Zeitmanagement zu verbessern, so dass sie ihr volles Potential umsetzen können für ein erfolgreiches Business mit mehr Freude und Motivation. Andererseits unterstütze ich Unternehmen dabei, die Produktivität ihrer Teams zu erhöhen und so die Ziele schneller zu erreichen.

So einfach wie möglich, immer persönlich und individuell.

7 Gedanken zu “Die Inselstrategie: Was tun mit Wartezeiten?”

  1. Wenig Schlaf und Ruhe kann man wirklich keinem empfehlen. Ich habe festgestellt, dass je mehr ich schlafe, desto besser ich lernen und arbeiten kann. Das Leistungsniveau des Gehirns steigt unglaublich wenn man richtig ausgeschlafen ist.
    Früher habe mir eingeredet, dass 5 Stunden schlaf reichen würden. Das habe ich auch versucht mehrere Monate zu praktizieren.
    Es hat mich sehr sehr viel Energie, Streß und Gesundheit gekostet, bis ich mich wieder nach ablauf von weiteren mehreren Monaten aus dem „Zombie“Zustand erhohlt habe.

  2. @Christopher: Genau, diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich wollte auch mit weniger Schlaf auskommen, was aber völlig schief heraus gekommen ist.

    Zu viel Schlaf kann aber auch nicht gut sein. Und: Jede/r braucht eine andere Menge an Schlaf. Das passt auch zum Thema „auf sich hören“: Wie viel Schlaf brauche ich wirklich, um mich ausgeglichen, ausgeruht und wohl zu fühlen? Wie viel ist zu wenig? Und: Wie viel ist zu viel?

  3. Es gibt auch eine (meiner Ansicht komische) Schlafmethode wo man jede 4 Stunden eine halbe Stunde schläft. Dann wieder aufstehen, 4 Stunden Aktivität und wieder 30 Minuten Schlaf. Leute dei das ausprobiert haben (beispielsweise Steve Pavlina) haben ausgiebig davon berichtet unter anderem hier: http://www.stevepavlina.com/blog/2005/10/polyphasic-sleep/
    Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ich diese Methode anwenden könnte.
    Ich meine, seit mehreren tausend Jahren schlafen die Menschen nachts und arbeiten tagsüber. Die Welt funktioniert damit relativ in Ordnung. Es wäre besser wenn es weiterhin so bleiben würde.

    Was Kurzschlaf angeht habe ich Powernapping nachmittags ausprobiert – 30 bis 40 Minuten zwischen 16-17 Uhr liefert (zumindest bei mir) unglaublich viel Energie.

  4. Ja, das polyphasische Schlafen halte ich auch für unnatürlich. Es gibt zwar Leute, die das erfolgreich anwenden, allerdings mit dem Nachteil, dass sie dann einen ganz anderen Rhythmus haben als die Welt um sie herum. Wenn ich mich recht entsinne, war das auch der Grund, weshalb Steve Pavlina das Experiment wieder abgebrochen hat. Es war nicht kompatibel mit seinem Familienleben.

    Powernapping wende ich auch oft an, allerdings in der Form des guten, alten, klasssichen Mittagsschlafes. Klingt nicht so hip, aber hat den selben Effekt. :-)

  5. was den sogenannten Mittagsschlaf angeht der wird auf den meisten Baustellen schon seit Jahren gepflegt,es ist die sogenannte heilige Stunde von 12:00 bis 13:00 Uhr .Keine Anrufe,keine Mails und keine Störungen .Es sei denn es ist unbedingt notwendig,da wird der störende aber direkt darauf hingewiesen das das eine Störung ist,wobei meistens ein Rückzieher gemacht wird.(Höflichkeit der Schweizer)

  6. @ ivan blatter
    was das arbeiten die letzten 3 jahren sehr angenehm macht,im Gegensatz zu Deutschland

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