Am 1.1.2015 habe ich meinen Lesern das "Du" angeboten.
In den älteren Artikeln sieze ich noch, wir bleiben aber natürlich gerne beim "Du". :-)

Am vergangenen Sonntag wurde an einer Geburtstagsfeier dem Geburtstags”kind” das Attribut “strategische Gelassenheit” zugeschrieben. Ich halte das für eine ausserordentlich gute und erfolgreiche Strategie, um in der Alltagshektik nicht unterzugehen. Lothar Seiwert spricht von der Bären-Strategie, sucht die Kraft in der Ruhe und meint dasselbe: Das Sich-Herausnehmen aus der Alltagshektik und das Verlassen des Hamsterrades.

Was ist dringend?

Passend zu der Diskussion um Eisenhower fällt mir ein wunderbares Beispiel aus dem Leben eines Produktivititätstrainers ein:

Wenn ich in den Urlaub fahre, verfasse ich immer eine dieser üblichen Abwesenheitsnotizen:

Ich bin bis dann und dann nicht da, Ihre E-Mails werden nicht gelesen usw.

Dann ergänze ich:

Falls Ihr Anliegen dringend ist, dann schicken Sie mit die E-Mail erneut mit dem Wort “Dringend” im Betreff oder im Text. Die E-Mail wird dann an meine Ferien-Mailadresse weitergeleitet.

Ich bin konsequent und schaue dann nur in den Ferien-Posteingang.

Und was passiert? Meistens nichts.

Im letzten Urlaub erhielt ich genau 2 (zwei!) dringende E-Mails in zwei Wochen: Die eine E-Mail war von einem Freund, der die Notiz lustig fand und einfach ausprobieren wollte, ob das klappt. Die andere E-Mail war von einem Kunden, dem ich kurz vor meinem Urlaub meine Seminarskizze geschickt hatte und ihn bat, mir doch bitte eine Rückmeldung an die Ferien-Mailadresse zu geben.

Das war’s. Mehr kam da nicht. All die anderen dutzenden E-Mails waren nicht dringend. Spannend war: Die wurde von den Absendern als nicht so dringend eingestuft, nicht von mir.

Natürlich habe ich keine Arbeit, bei der viele Dringlichkeiten anfallen. Trotzdem hat mich das Ergebnis sehr erstaunt: Beim zweiten Blick und beim bewussten Nachdenken werden viele Dinge plötzlich nicht mehr so dringend.

Die strategische Gelassenheit

Im Gegensatz zu (zu) vielen anderen arbeite ich im Urlaub nicht. Ich lese keine E-Mails (ausser eben diese wenigen dringenden), beantworte keine Anrufe und nehme mich ganz heraus.

Als Freiberufler ist es eine absolute Notwendigkeit, zwischen Anpassung und Entspannung strikte zu trennen. Ich habe keine geregelte Arbeitszeit. Wenn ich mehr arbeite, ist mein Einkommen (häufig) höher. Wenn ich produktiver arbeite auch. Wenn ich besser arbeite, erst recht. Ich habe keinen Schutz vor Überarbeitung, ausser ich baue mir bewusst diesen Schutz auf. Mein Urlaub ist meine Erholung, die ich brauche und will. Deshalb arbeite ich im Urlaub nicht.

Meine Urlaubsaktivitäten werden Sie vermutlich nicht so sehr interessieren, aber es gibt da etwas, was Sie auch interessieren könnte. Nämlich: Wer bestimmt eigentlich die Dringlichkeiten in Ihrem Leben? Welche sind “gegeben”, welche selbstgemacht? Und vor allem: Welche von den selbstgemachten Dringlichkeiten können Sie einfach weglassen?

Es gibt Dinge, die sind einfach dringend: Wenn das Kind einen Alptraum hat und weint, können Sie ihm schlecht sagen: “Wir sprechen morgen darüber”. Wenn das Telefon im Büro klingelt, müssen Sie antworten. Und wenn die Chefin sagt “Ich brauche bis heute um 16 Uhr die neusten Verkaufszahlen für die Sitzung des Aufsichtsrates”, dann sind Sie auch gut beraten, die Zahlen bis dann zu liefern.

Aber müssen Sie sich wirklich durch jede neue E-Mail unterbrechen lassen und schnell eine Antwort schreiben? Müssen Sie jede Unterbrechung wie einen Notfall behandeln?

Manchmal tun wir gut daran, durchzuatmen und uns zuerst zu fragen, ob etwas dringend ist oder nicht. Dann: Ist es überhaupt wichtig? Und dann zu entscheiden, ob wir es jetzt tun wollen.

Das heisst noch lange nicht, dass wir alle zu Zen-Mönchen werden müssen. Sondern nur, das ruhiges Überlegen in der Regel weiter führt als hektischer Aktionismus. Sich dessen immer wieder bewusst zu werden, kann nicht schaden.

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