Zeitmanagement ist überall – sogar da, wo man es nicht erwartet.

Das Phänomen kennst du bestimmt auch. Interessierst du dich für ein rotes Auto, siehst du plötzlich überall rote Autos.

Mir geschieht das ständig:

  • Bin ich selbst irgendwo Kunde, bemerke ich manchmal viele Ineffizienzen und würde sie gerne beheben.
  • Bin ich im Restaurant, fällt mir auf, wie der Kellner viel Zeit und Energie sparen könnte.
  • Und natürlich auch im Positiven: ich staune häufig, wieviele Dinge meine Kunden schon sehr gut im Griff habe und was alles klappt. Doch sie wollen eben noch eine Schippe drauflegen. Großartig!

Geht man mit offenen Augen durch die Welt, kann man aus jeder Situation etwas dazulernen – auch für das eigene Zeitmanagement und die Produktivität.

Billard – mein Lieblingssport

Ich habe zwei Hobbys, die mich schon lange begleiten: Fotografieren und Billard spielen.

Billard ist ein sehr kopflastiger Sport, auch wenn man eine gute Physis haben muss, um stundenlang ohne Ermüdungserscheinungen am Tisch stehen zu können.

Trotzdem ist es für mich ein wunderbarer Ausgleich, weil andere Regionen des Kopfes angesprochen werden, als die, die ich sonst brauche.

Nun wirst du dich sicher wundern, was Billard mit einem guten Zeitmanagement zu tun haben soll. Ich zeige es dir!

Zeitmanagement und Billard
© Ivan Blatter

Ohne laserscharfen Fokus geht gar nichts

Setzt ein Billard-Spieler zum Stoß an, gibt es nur noch die farbige Kugel, die mit der weißen versenken werden soll. Alles andere und auch alle anderen Kugeln sind ausgeblendet.

Der Spieler ist voll und ganz auf die aktuelle Aufgabe fokussiert, nämlich die farbige Kugel zu versenken und die weiße so abzulegen, dass er anschließend weiter spielen kann.


Die Fähigkeit, sich fokussieren zu können, ist eine der Schlüsselqualifikationen aller produktiven Menschen und nach wie vor ein Merkmal, mit dem du dich von deinen Konkurrenten unterscheiden kannst.

Unterbrechungen und alles, was deinen Fokus stört, zerstören deine Produktivität.

So stehe ich genau jetzt hier an meinem Stehpult und tippe diese Zeilen. Alle Unterbrechungen und Benachrichtigungen sind ausgeschaltet. Ich nutze ein Programm für ablenkungsfreies Schreiben (in meinem Fall: Ulysses) und schreibe einfach.

Ich editiere nichts, ich korrigiere nichts, ich setze keine Links – nur Schreiben. Im nächsten Durchgang kommen dann die anderen Aufgaben.

Genauso sollten wir so oft wie möglich arbeiten. Das geht nicht immer, doch es ist spielentscheidend, dass wir jeden Tag so viele Fokus-Zeiten haben wie möglich.

Konzentration über viele Stunden dank kleinen Pausen

Die größte Herausforderung beim Billard sind weder die Technik noch das (intuitive) Berechnen von Winkeln. Sondern die größte Herausforderung ist, sich stundenlang konzentrieren zu können.

Ein Spiel kann – je nach Spielart – stundenlang dauern, manchmal sogar ohne formellen Unterbruch.


Unser Arbeitstag dauert in der Regel acht Stunden, in Realität häufig sogar noch länger. Wir müssen dafür sorgen, dass wir auch nachmittags um 16:30 Uhr noch aufmerksam und konzentriert sind.

Meistens verausgaben wir uns im Laufe des Tages komplett, so dass wir schon am Nachmittag nicht mehr unsere volle Leistung bringen können. Deshalb sind Pausen ein so wichtiger Bestandteil eines guten Zeitmanagements.

So, genug geschrieben, ich mache jetzt eine Pause und gehe Kaffee einkaufen. Das bringt mir ein wenig frische Luft und einen kleinen Spaziergang von 20 Minuten oder 2’000 Schritten.

Hochs ausnutzen, Tiefs akzeptieren

Jedes Billard-Spiel ist geprägt von Hochs und Tiefs: Es gibt Phasen, an denen die Spieler traumhafte Stöße zeigen, und dann gibt es Phasen mit vielen sportlichen Tiefpunkten.

Ein guter Spieler kann damit umgehen und schafft es, die imaginäre Linie zu überschreiten und aus einem Tief herauszufinden, ohne sich immer weiter runter ziehen zu lassen.


Wir glauben häufig, wir könnten acht Stunden am Stück produktiv arbeiten. Das ist natürlich Unsinn. Tagsüber haben wir verschiedene Energie- oder Leistungshochs, dazwischen natürlich auch Tiefs.

Produktiv zu arbeiten heißt auch, diesen Rhythmus zu erkennen, anzuerkennen und die Aufgaben entsprechend anzupassen.

So würde ich nie in einem Energiehoch meine E-Mails abarbeiten. Sondern das mache ich eher in einem Energietief. Meine Hoch-Zeiten nutze ich lieber für die wichtigen oder schwierigen Aufgaben.

Überblick gewinnen und behalten

Kommt ein Billard-Spieler an den Tisch, schaut er zunächst genau, was denn da so auf dem Tisch liegt. Er verschafft sich einen Überblick.

Dann überlegt er sich nicht nur, welche Kugel er als nächstes spielen will, sondern er überlegt sich auch schon die darauf folgenden Stöße.


Genauso so am Schreibtisch: Wie soll ich mich entscheiden, welche Aufgabe im Moment am Wichtigsten ist (nicht nur am Dringendsten!), wenn ich keine Ahnung habe, was alles ansteht.

Es gibt eigentlich nur zwei Gründe, weshalb Aufgabenlisten ein unerlässliches Mittel im Zeitmanagement sind: Erstens wegen des Überblicks und zweitens, damit wir nichts vergessen können.

Bei der Gelegenheit: Wie viel Zeit hast du heute den wirklich wichtigen Dingen und Aufgaben gewidmet?

Visualisieren des nächsten Spielzugs

Viele Sportler und damit natürlich auch viele Billard-Spieler sind Meister im Visualisieren. Wer mit dem Queue auf die weiße Kugel zielt, sieht vor dem geistigen Auge ganz genau, wo die weiße die farbige trifft, wohin die farbige dann rollt, wie die weiße abgelenkt wird und wo diese dann stoppt.


Nicht nur Sportler, sondern auch andere erfolgreiche Menschen sehen ihren Tag genauso vor ihrem geistigen Auge, bevor er überhaupt beginnt.

Sie visualisieren sich ihren Tag und/oder ihre Ziele. Dann setzen sie ihre Vision um. Sie hüten sich davor, sich einfach vom Tagesgeschäft – und damit meistens von der Alltagshektik – einfach treiben zu lassen.

Gelassen durch das Spielt und den Tag

Einem guten Billard-Spiel zuzuschauen hat etwas Meditatives. Vor allem beim Snooker. Trotz aller Spannung und trotz des hohen Drucks führt ein Spieler seinen Stoß nie hektisch aus.

Er bleibt in seiner Position, bis die weiße die farbige Kugel getroffen hat und die Kugeln fast zum Stillstand gekommen sind. Kommt er zu schnell hoch, besteht die Gefahr, dass er eben zu schnell hochkommt und so die weiße nicht da trifft, wo er sie treffen will.

Kleine Verschiebungen können auf einem großen Tisch schnell ein paar Zentimeter ausmachen. Deshalb führen Profis ihren Stoß in aller Gelassenheit bis zum Ende aus. Der Stoß ist frühestens dann zu Ende, wenn die weiße die farbige Kugel getroffen hat.


Im Büro lassen wir uns (zu) oft von der Hektik anstecken und treiben. Selten fragen wir uns:

Was ist wirklich wichtig?

Oder wir springen von einer Aufgabe zu nächsten ohne etwas in aller Ruhe fertig zu bringen.

Dabei verstecken wir uns hinter Sachzwängen:

Das verlangt (der Markt/der Chef/der Kunde) so.”

Ist das aber wirklich so? Ich kenne sehr erfolgreiche Menschen auf allen Stufen – auch in höchsten Kaderpositionen -, die lassen sich nicht hetzen, sondern nehmen sich Zeit für die wichtigen Dinge (um die unwichtigen kümmern sie sich gar nicht) und führen die Dinge zu Ende.

Ich würde sogar behaupten: Je höher man die Karriereleiter hochblickt, desto mehr solche Menschen trifft man an: Menschen, die zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden können, und sich ausschließlich und hoch-fokussiert den wichtigen Dingen widmen.

Planen, handeln, anpassen

Wer an den Tisch kommt, verschafft sich zunächst einen Überblick und überlegt sich dann einen Weg durch die Kugeln.

Welche spiele ich zunächst? Und welche spiele ich danach? Wie muss ich die weiße Kugel ablegen, damit ich weiter spielen kann? Und welche spiele ich danach?

Der Spieler macht sich also einen Plan und überlegt sich, wie er den Tisch abräumen kann.

Zumindest überlegt er sich die nächsten paar Kugeln, die er spielen will. Gelingt es ihm nicht, die weiße Kugel optimal zu platzieren, wirft er den Plan sofort über Bord und macht einen neuen. Er plant also rollend und ist flexibel. Und er führt den Plan sofort aus.


Wie sieht das im Büro aus? Oftmals so: Wir planen und planen und planen und planen und wenn es dann nicht anders geht, führen wir vielleicht aus.

Was beim Billard unvorstellbar wäre, fällt im Büro nicht einmal besonders auf. Ein Plan ist aber überhaupt nichts wert, wenn wir ihn nicht ausführen. Nur wer handelt, erreicht etwas.

Die Alternative ist häufig Resignation. Man plant gar nicht mehr und läßt sich treiben. Die Folge: Fremdbestimmung pur.

Ein gutes Zeitmanagement findet genau den Mittelweg zwischen Überplanung und sich treiben lassen.

Neue Kraft schöpfen

Gerade bei langen Matches gibt es formale Pausen außer in der Schlussphase. Profis nutzen diese Pausen ganz bewusst, um sich zu entspannen, die Konzentration neu aufzubauen oder zu erhalten und sich in eine positive Stimmung zu bringen.

Gibt es keine formalisierten Pausen mehr, lässt sich beobachten, dass die Spieler häufig zur Toilette gehen. Die haben aber nicht alle eine schwache Blase, sondern verlassen bewusst den Tisch und nehmen sich eine Mini-Auszeit, um sich neu aufzubauen.


Ich weiß, ich habe die Pausen schon erwähnt. Da sie aber so wichtig sind, kommen sie hier noch einmal.

Im Büro haben wir oft die Vorstellung, wir könnten durcharbeiten und dann schnell ein Sandwich vor dem Bildschirm verdrücken. So kann man sich täuschen.

Jede Minute, die in eine regelmäßige, kurze und gute Pausen investiert ist, kommt mehrfach zurück: Mehr Energie, mehr Motivation, weniger Fehler, mehr im Flow und mehr Freude.


Gerade vom Profisport können wir sehr viel für unsere Arbeit lernen. Sportler müssen punktgenau ihre beste Leistung abrufen können.

An der Spitze ist die Luft sehr dünn. Da braucht es nicht viel und plötzlich verliert man das Spiel. Häufig sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen.

Mein Motto ist deshalb: Was für Sportler gut ist, kann für uns nicht schlecht sein.

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