Vor ein paar Jahren gab ich jedes Jahr einen Zeitmanagement-Kurs an einer Fachschule für Tontechnik, Film, Animation und Webdesign.

Das Seminar war immer sehr spannend, denn ein Teil der Teilnehmer kam direkt von der Schule, ein anderer Teil machte die Ausbildung berufsbegleitend oder als Umschulung.

Dort hatte es also einige Teilnehmer ohne Erfahrungen im Arbeitsmarkt und andere mit sehr viel Erfahrungen. Das machte es für mich als Trainer nicht einfach, aber interessant!

Zu Beginn des Seminars fragte ich die Teilnehmer jeweils, was sie denn unter Zeitmanagement verstehen. In einem Kurs lautete die Antwort eines Teilnehmers:

Zeitmanagement tötet jede Kreativität!

In einem Umfeld, das aus ausgesprochen kreativen und kreativ tätigen Menschen besteht, ist das – sagen wir mal – ein suboptimaler Start in ein Seminar.

Nach dieser Äusserung fühlte ich mich so:

Kreativität
© Ivan Blatter

Ich ließ diese Meinung mal so stehen, denn ich dachte mir:

Wenn du dich jetzt auf eine Diskussion einlässt, hast du verloren und kannst nach Hause gehen.

Das schwarze Brett

In der Pause lief ich dann ein wenig durch die Schule und fand am schwarzen Brett lauter Stellenanzeigen von Unternehmen, die die besten Köpfe der Schule für sich gewinnen wollten.

Dabei fiel mir etwas auf. Ich fotografierte also die Stellenanzeigen, um sie später zu zeigen.

Das tat ich dann auch. In den Stellenanzeigen stand nämlich nirgends:

Gesucht wird ein kreatives, chaotisches Genie, das sich nicht einordnen kann.

Im Gegenteil: Dort standen Stichworte wie

  • teamfähig
  • selbstständig
  • Verantwortung übernehmen
  • strukturierte und exakte Arbeitsweise
  • verantwortungsbewusst
  • lösungsorientiert
  • Genauigkeit

So simpel das klingt: der Auftrag der Schule lautete, Menschen so auszubilden, dass sie auf dem Arbeitsmarkt eine entsprechende Stelle finden.

Das ist der Zweck der Schule – und Zeitmanagement passt hier perfekt hinein.

Es braucht nämlich beides: Kreativität und strukturiertes Vorgehen. Gerade in diesem Umfeld kann man sich so von der Konkurrenz abheben und schafft sich so einen Vorteil.

Hat das den Teilnehmer überzeugt?

Vielleicht. Vielleicht half auch das restliche Seminar. Dort ging es nämlich um Dinge wie:

  • Zeitmanagement ist dazu da, das eigene Potential zur vollen Entfaltung zu bringen.
  • Es gibt nicht die eine richtige Lösung, sondern nur Lösungen, die für einen funktionieren – oder eben nicht.
  • Zeitmanagement schafft Freiheiten und schränkt nicht ein.
  • Ein gutes Zeitmanagement bringt uns schneller und einfacher zu unseren Zielen. Es bringt uns unseren Visionen näher.

Und der Teilnehmer? Der kam nach dem Seminar zu mir und meinte:

Ich hatte ein völlig falsches Bild von Zeitmanagement. Das hilft ja tatsächlich etwas.

Das nenne ich ein gelungenes Seminar!

Zeitmanagement und Kreativität

Wikipedia schreibt über die Kreativität:

Kreativität ist allgemein die Fähigkeit, etwas vorher nicht da gewesenes, originelles und beständiges Neues zu kreieren.

Damit ist eigentlich klar, dass Kreativität Raum braucht. So zeigt die Forschung (auch wieder laut Wikipedia), dass Kreativität durchaus blockiert sein kann durch:

  • Strikte Zielorientierung
  • Leistungsdruck
  • Erfolgsorientierung
  • Zeitdruck
  • und vieles mehr

Leider sind das genau die Stichworte, die häufig mit Zeitmanagement verbunden werden.

Doch das ist der springende Punkt.

Kreativität entsteht nicht unbedingt in der völligen und grenzenlosen Freiheit.

So kann Zeitdruck hinderlich und förderlich sein. Ein gewisser Druck kann stimulierend wirken, solange er nicht den Wahrnehmungs- und den Handlungsspielraum einengt.

Ein gutes Zeitmanagement versucht aber genau das.

Ein gutes, erfolgreiches Zeitmanagement schafft Spielräume. Es engt nicht ein.

Genau deshalb gehen Zeitmanagement und Kreativität Hand in Hand.

Ein Beispiel

Meine Tätigkeit als Unternehmer fordert viele Fähigkeiten:

  • Das Führen meines Unternehmens: Das ist eher der klassische Bereich des Zeitmanagements. Wie kann ich mein Unternehmen effizient, effektiv und gewinnbringend führen? Wie erledige ich meine Aufgaben zeitnah, stressfrei und gut? Wie schaffe ich mir genug Zeit für die wichtigsten Aufgaben?
  • Der kreative Teil: Jeder Unternehmer muss auch kreativ sein. Es geht nicht nur darum, eine Aufgabenliste abzuarbeiten, sondern es geht vor allem darum, am Business zu arbeiten. Wohin entwickelt sich mein Business? Wie schaffe ich mir Zeit für die Aufgaben, die besonders langfristig einen hohen Nutzen bringen? Wie kann ich mich von den Kollegen abheben? Diese Dinge brauchen viel Kreativität.

Ein kreativer Unternehmer ist natürlich anders kreativ als ein Künstler, doch auch er braucht Zeit und Raum, etwas Neues und Originelles zu kreieren.

Woher nehme ich aber diesen Raum, wenn ich im Operativen ertrinke?


Diese kurzen Überlegungen helfen zu verstehen, dass Zeitmanagement und Kreativität Hand in Hand gehen müssen.

Auch Menschen mit einer sehr kreativen Tätigkeit haben Alltagsaufgaben. Auch sie müssen ihre Tätigkeit gut führen und viele alltägliche Aufgaben erledigen. Vom Konzept über die Reiseorganisation bis hin zur Rechnungsstellung.

Ein gutes Zeitmanagement hilft hier, diese Aufgaben so gut und effizient zu erledigen, so dass mehr Zeit für die kreativen Phasen bleibt.

Zeitmanagement und Kreativität sind also keine Widersprüche, sondern brauchen einander, um das leisten zu können, wozu wir im Stande sind.

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