Am 1.1.2015 habe ich meinen Lesern das "Du" angeboten.
In den älteren Artikeln sieze ich noch, wir bleiben aber natürlich gerne beim "Du". :-)

In unserer Leistungsgesellschaft gilt es schon fast als Tugend, mit möglichst wenig Schlaf zurechtzukommen. 8 Stunden Schlaf sind gerade noch so akzeptiert, schläft man mehr, gerät man schnell in den Verdacht, faul zu sein. Viel Schlaf wird mit Faulheit gleichgesetzt. Doch was steckt dahinter? Gilt wirklich die Formel: weniger Schlaf = mehr Zeit = mehr Leistung?

Es gilt als schick, wenig Schlaf zu benötigen. Schlaf ist ineffizient und unproduktiv, deshalb ist weniger mehr. Meint man zumindest.

“Mehr Schlaf wäre zwar gut, aber mir reichen 6 Stunden.”

Ehrlich gesagt, ich konnte diesen Satz noch nie so richtig glauben. Selbstverständlich gibt es Situationen und Phasen, in denen wir zu wenig Schlaf bekommen und trotzdem funktionieren müssen. Ich habe aber oft den Verdacht, dass wir das schnell als Normalität akzeptieren und gar nicht mehr wahrnehmen, wie gross unser Schlafdefizit wirklich ist.

Natürlich: Eine Stunde weniger Schlaf heisst eine Stunde mehr Zeit und damit eine Stunde mehr Arbeitszeit – wenn wir wollen. Ich bin aber überzeugt, dass dieser Stunde auf Kosten der Effizienz geht. Wir arbeiten zwar eine Stunde mehr, aber dafür langsamer, unkonzentrierter, weniger effizient, weniger produktiv. Und häufig nur dank Aufputschmitteln: Zucker, Kaffee, Zigaretten.

Das individuelle Schlafbedürfnis

In meiner Studienzeit habe ich viel ausprobiert: Ich habe versucht, meinen natürlich Rhythmus zu brechen und nachts zu lernen. Das war völlig aussichtslos, bin ich doch ein ausgesprochener Morgenmensch.

Dann habe ich versucht, mit weniger Schlaf auszukommen. Die Ergebnisse waren katastrophal: Ich war schlecht gelaunt, melancholisch, unmotiviert, ineffizient, unproduktiv. Ich hatte zwar viel mehr Zeit, aber gleichzeitig bedeutend weniger erreicht.

Die Schlafforschung weiss: Die meisten erwachsenen Menschen benötigen pro Nacht 7-8 Stunden Schlaf. Das Schlafbedürfnis ist zwar unterschiedlich ausgeprägt. Es ist aber konstitutionell vorgegeben, d.h. es steht in unseren Genen festgeschrieben.

Damit war mein Versuch zur Studentenzeit, ein geringerer Schlafbedürfnis trainieren zu wollen, völliger Unsinn. Auf die Dauer funktioniert das nur zu einem hohen Preis: Wir rufen nicht mehr unser Potential ab.

Vielleicht merken wir das nicht, weil wir so gewöhnt sind, mit angezogener Handbremse zu fahren. Wir wissen gar nicht mehr, was wir fähig sind, weil wir es nie probieren. Unsere Müdigkeit tagsüber ist ganz normal und wir haben uns daran gewöhnt.

Die meisten erwachsenen Menschen brauchen 7-8 Stunden Schlaf und von leistungsfähig zu sein. Schlafen Sie weniger, rufen Sie vermutlich nicht die Leistung ab, zu der Sie fähig sind.

Ein paar Empfehlungen

Möchten Sie erfahren, wozu Sie fähig sind, dann beachten Sie folgende Punkte:

  1. Haben Sie ein Schlafdefizit? Wenn Sie am Wochenende deutlich länger schlafen als unter der Woche, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sie unter der Woche ein Schlafdefizit aufbauen, dass sie am Wochenende abbauen müssen. Schlafen Sie am Wochenende mehr oder weniger gleich lang wie unter der Woche, dann haben Sie vermutlich kein Schlafdefizit.
  2. Bauen Sie Ihr Defizit ab. Bevor Sie zu Ihrem Schlafbedürfnis zurückfinden können, müssen Sie Ihr Schlafdefizit abbauen. Tun Sie das am besten im Urlaub: Schlafen Sie soviel Sie mögen, soviel Sie benötigen. Falls kein Urlaub ansteht, dann versuchen sie jede Nacht mindestens eine halbe oder ganze Stunde länger zu schlafen als üblich. Nutzen Sie auch das Wochenende, um ihr Defizit abzubauen. Bedenken Sie: Je nachdem wie gross ihr Defizit ist, brauchen Sie vielleicht mehrere Wochen, um das Defizit vollständig abzubauen.
  3. Finden Sie Ihr Schlafbedürfnis heraus. Haben Sie Ihr Defizit abgebaut, werden sie sich schon viel wacher und fitter fühlen. Finden Sie dann heraus, wie viel Schlaf Sie benötigen. Beginnen Sie, jede Nacht 8 Stunden zu schlafen. Haben Sie das Gefühl, das reicht Ihnen nicht, dann erhöhen Sie die Dauer. Fühlen Sie sich gut damit, dann versuchen Sie, nur siebeneinhalb Stunden pro Nacht zu schlafen. Experimentieren Sie und beobachten Sie, wie Sie sich fühlen. So können Sie sich Ihrem Schlafbedürfnis nähern. Vergessen Sie nicht: Im Winter benötigen wir in der Regel mehr Schlaf (wegen des geringeren Lichts). Auch sonst gibt es Phasen, in denen wir mehr Schlaf benötigen. Akzeptieren Sie das.
  4. Halten Sie Ihren Rhythmus ein. Im Idealfall gehen wir jeden Tag zur selben Zeit ins Bett und stehen jeden Morgen zur selben Zeit auf. Auch am Wochenende. Nun, ich lebe auch in dieser Welt, und weiss, dass das nicht immer möglich ist. Versuchen Sie aber, nach diesem Ideal zu leben.
  5. Gute Nacht! Sie wissen, was ihre Schlafqualität positiv oder negativ beeinflusst. Alkohol, schweres Essen, Kaffee, zu lange arbeiten usw. verhelfen nicht zu einem guten Schlaf. Entspannen vor dem Schlafen, leichte Lektüre, ein Gute-Nacht-Tee schon. Auch hier wieder: Experimentieren Sie. Versuchen Sie verschiedene Dinge aus und beobachten Sie, was Ihnen wirklich gut tut und was nicht jeder Mensch ist anders: Was mir gut tut, langweilt sie vielleicht und macht Sie daher kribbelig. Was meinen Schlaf stört, beeinflusst ihren nicht im geringsten. Und umgekehrt.

Die Formel „weniger Schlaf = mehr Zeit = mehr Leistung“ ist ein weit verbreiteter Mythos. Die meisten Menschen brauchen 7-8 Stunden Schlaf pro Nacht. Schlafen Sie weniger, rufen Sie wahrscheinlich nicht das Potenzial ab, dass in Ihnen steckt. Vielleicht haben Sie nur vergessen, zu was Sie fähig sind. Finden Sie es wieder heraus, es lohnt sich.

Hat dir der Artikel gefallen? Dann sprich darüber:

Ähnliche Beiträge