Mit Schweigen zu mehr Klarheit und Produktivität – Interview mit Stefan Hund

Produktives Arbeiten ist ein Wechsel von Anspannung und Entspannung. Flut und Ebbe.

Wir brauchen den Reiz der Belastung, aber wir brauchen unbedingt auch die Entlastung.

So ist es ratsam, das eigene erfolgreiche Zeitmanagement um ein gutes Energiemanagement zu ergänzen.

Dazu kann auch gehören, sich mal eine Auszeit zu nehmen.

Weshalb das wichtig ist, ob Auszeiten für jeden sind, wie solche Auszeiten gestaltet und begleitet werden könnten und vieles mehr erfährst du heute von meinem Gast Stefan Hund.

Mit Schweigen zu mehr Klarheit und Produktivität
© Ivan Blatter

Mit Schweigen zu mehr Klarheit und Produktivität

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Das Gespräch zum Nachlesen

Stefan Hund
Stefan Hund
Ivan Blatter: Hallo lieber Stefan, schön, dass du hier bist.

Stefan Hund: Lieber Ivan, ganz herzlichen Dank für die Einladung in deinen Superpodcast. Ich muss sagen, dass ich ihn regelmäßig sehr gerne höre.

Ivan: Sehr schön.

Stefan: Er gehört zu meinen fünf Podcasts, die ich auf jeden Fall immer draufhabe.

Ivan: Oh, das freut mich sehr! Wir haben uns bei verschiedenen Gelegenheiten kennengelernt und auch schon persönlich getroffen. Eine der Gelegenheiten war in Nabental, wo ich an einem Schweigeseminar teilgenommen habe, das du organisiert und geleitet hast. Das ist ein Angebot, das du regelmäßig durchführst, und deshalb zunächst meine erste Frage: Wie wichtig sind Auszeiten generell, aber auch, um produktiver arbeiten und sein Potential ausschöpfen zu können?

Stefan: Ganz klar, Auszeiten sind absolut wichtig. Das eine ist, wie bin ich eigentlich zum Schweigen gekommen? Ich bin von Haus aus evangelischer Pfarrer, und als wir damals den Wechsel im Pfarramt hatten, gab es plötzlich an jedem Tag morgens die Schule, dann das nächste Gespräch, dann vielleicht eine Beerdigung, und im Freundeskreis fiel uns auf, wenn wir die ganze Zeit reden, dann ist irgendwann die Gefahr, dass wir uns einfach zu heiß reden und deshalb eine Auszeit brauchen. Und da war die Vereinbarung, wer zuerst redet, der muss ins Schweigekloster. Das war eher eine Idee, die beim dritten Bier aufkam, aber wie es so kommen musste, ich hatte das kürzere Hölzchen und war derjenige, der ins Schweigekloster gehen musste. Ich hatte einen Mordsrespekt davor und dachte kurz vorher, „willst du das wirklich machen“? Auf der anderen Seite war auch ein gewisser Zwang dahinter, denn ich wollte vor den anderen nicht falsch dastehen.

Der erste Tag im Schweigekloster war ziemlich laut. Ich habe zwar geschwiegen, ja, aber die Gedanken sind hochgekommen, und am Ende des zweiten Tages hätte ich gerne verlängert. Da ist auf einmal eine Ruhe reingekommen, und ich habe in dem Moment gemerkt, was für mich wichtig ist. Insofern war das eine absolut wichtige Auszeit. Und auf der anderen Seite, überlegen wir doch einfach mal selbst, wo kommen uns die kreativsten Ideen? In der Regel kommen die nicht in großen Meetings, sondern sie kommen dann, wenn wir kurz rausgehen, Luft schnappen oder sogar, wenn wir die Toilette nutzen. Oder auch morgens in der Dusche, da kommen uns häufig die produktivsten Ideen.

Ivan: Ganz genau. Deine erste Auszeit in dieser Art, die dauerte zwei Tage?

Stefan: Vier Tage waren es, von Donnerstag bis Sonntag. Das war damals in den Neunzigern, und 2004 wurde ich gebeten, „kannst du das nicht auch mal für uns machen?“ Ich habe erlebt, dass das die richtige Zeit ist, um wirklich runterzukommen, zumindest für das erste Mal. Beim zweiten oder dritten Mal kann man es gerne auch mal eine Woche machen, wenn man dann bereits weiß, worauf man sich einlässt.

Ivan: Du hast etwas sehr Spannendes angesprochen. Du hast zwar geschwiegen, aber es war sehr laut in deinem Kopf. Das habe ich beim Seminar auch erfahren, man gibt sozusagen keinen Laut von sich, aber es schweigt natürlich überhaupt nicht in einem drin. Es ist nicht still, sondern es beginnt, zu arbeiten, und es kommen einem sehr viele kreative Gedanken Man beginnt, Dinge zu hinterfragen.

Eine weitere Sache finde ich spannend im Zusammenhang mit den Auszeiten. Es ist kein Zufall, dass wir in unserem Kulturkreis ein Wochenende haben. Früher war es nur der Sonntag, der frei war. Wir arbeiteten sechs Tage lang, und der siebte Tag war frei. Das ist auch eine Auszeit, ein wöchentliches Sabbatical, wenn man so will. Und ich glaube, das braucht der Mensch, um sich erholen zu können, um kreative Ideen entwickeln zu können und letztlich auch, um produktiver arbeiten zu können. Nicht wahr?

Stefan: Absolut, du musst nur einmal in die Geschichte zurückblicken. Ich bin mir nicht sicher, ob es rund um die Französische und die Russische Revolution war, als man damals Dekaden eingeführt hat. Man hat die Tage in Zehnerschritte eingeteilt und erst nach zehn Tagen einen freien Tag eingeführt. Und die Ergebnisse sind deutlich nach unten gegangen. Man brauchte diese Auszeit in Sieben-Tage-Schritten, um entsprechend produktiv zu sein. Darüber gibt es Studien, die beweisen, dass die Produktivität bei der Dekadenzählung nachweislich gesunken ist.

Ivan: Das ist spannend, das habe ich gar nicht gewusst.

Stefan: Ich schaue nach, vielleicht finde ich es noch, und dann würde ich es dir einfach zuschicken.

Ivan: Sehr gerne. Es dürfte auch meine Hörer interessieren, was genau der Hintergrund ist. Als ich mich für das Schweigeseminar bei dir angemeldet habe, habe ich das natürlich auch im Freundes- und Bekanntenkreis erzählt. Und alle fanden es natürlich toll – für mich, aber nicht für sich selbst! Viele haben gesagt, dass sie sich das gar nicht vorstellen können, „aber toll, dass du das machst. Das wird sicher super, aber für mich wäre das nichts.“ Eignen sich solche Auszeiten, die Schweigeseminare für jeden oder muss man ein spezieller Typ dafür sein?

Stefan: Ich glaube nicht, dass man ein spezieller Typ dafür sein muss. Natürlich sind manche Menschen so strukturiert, dass sie permanenten Wechseln unterliegen. Die haben die Möglichkeit, rauszugehen, und die werden das nicht unbedingt brauchen. Aber in dem Moment, wo du die ganze Zeit produktiv sein musst, sei es im Privatbereich oder im Berufsleben, denn da ist heute von der Anspannung her gar kein Unterschied mehr, ist es gut, wenn du für dich selbst sorgen kannst und solche Auszeiten hast. Und am besten ist es, wenn diese begleitet sind.

Ivan: Ich glaube, das ist das Spezielle an deinem Angebot, denn eigentlich kann ich auch im Urlaub schweigen und für mich alleine sein. Oder ich kann mal einen Tag in den Wald gehen und einfach die Gedanken kreisen lassen. Was ist der Vorteil von begleiteten Auszeiten, so wie du sie anbietest?

Stefan: Einmal im Jahr gehe ich für mich selber schweigen. Und dafür habe ich einen guten Freund, einmal begleitet er mich, und einmal begleite ich ihn. Wichtig ist in diesem Moment, dass derjenige, der dich begleitet, plötzlich erkennt, wo du möglicherweise „in deinem eigenen Saft schmorst“ und dementsprechend gar nicht mitbekommst, was eigentlich außenrum passiert. Oder du hast eine gewisse Brille auf und siehst bestimmte Entwicklungen nicht oder vielleicht in einer ganz anderen Art und Weise. Und wenn du dann jemanden hast, der dir einen Spiegel vorhält, der dir Fragen stellt, die dich weiterführen, dann kommt der Moment, wo du sagst, du kamst mit vielen Fragen, und du gingst mit vielen Fragen, und die Fragen, mit denen du gingst, gaben dir Power. Das hast du ja auch im Feedback gesagt.

Ivan: Das war für mich ganz entscheidend. Ich glaube nicht, dass ich im Schweigeseminar ein Problem oder einen Knoten gelöst habe, aber ich habe eben andere Fragen gefunden, die mich weitergebracht und mir einen guten Weg aufgezeigt haben. Es waren dann keine einschränkenden Fragen mehr.

Stefan: Es kommt auch nicht unbedingt jeder mit einem Problem. Das ist der kleinste Teil. Es kommt jeder mit einem Anlass, aber „Problem“ würde ich das zunächst nicht nennen. Wenn ich eine schweigende Auszeit begleite, dann beginnt die in der Regel zwei, drei Monate vorher, je nachdem, wann sich derjenige anmeldet. Und dann führe ich mit ihm oder ihr ein Gespräch per Telefonat oder Skype, und dann frage ich nach, wo derjenige im Augenblick im Fluss ist und wo nicht. In dem Moment, wo man fragt, welche Themen kommen könnten, zeigen sich die ersten Sachen. Und am Ende dieses Telefonates entscheiden wir beide, ob es mit der Zusammenarbeit passt oder nicht. Es kann auch sein, dass es in dem Moment nicht passt. An der Stelle nebenbei, Begleitung ist für mich Coaching, was ich nicht mache, ist Therapie. Das heißt, derjenige, der zum Beispiel im Augenblick eine therapeutische Diagnose hätte, da sage ich, gerne sechs Monate nach Abschluss der Therapie, aber vorher bitte nicht. Das passt nicht.

Wenn wir am Ende dieses Gesprächs miteinander hingekommen sind, dass wir zusammenarbeiten wollen, dann bekommt derjenige von mir ein leeres Buch geschickt mit dem Titel „Für deine Gedanken, für deine Inspirationen“. Und jede Woche kommt eine kleine Aufgabe. Beispielsweise, das kennst du auch selbst, und das hat mich damals sehr gefreut, „was ist deine Überschrift für den heutigen Tag?“ Oder „was sind die drei Dinge, für die du heute danken kannst, die du vielleicht gar nicht erwartet hast?“ Und so kommt jeder in eine Bewegung hinein, und dann starten wir in der Regel zwei, drei Monate später mit der Gruppe beim Schweigen, in dem Fall im Kloster. Oder wir sind auch teilweise in Wellnesshotels, das ist die ganz andere Variante.

Ivan: Im Schweigeseminar schweigt man, aber es ist trotzdem begleitet. Erzähl doch unseren Zuhörern, was das heißt. Du sitzt nicht neben den Teilnehmern und schaust zu, wie sie schweigen (lacht), sondern da steckt mehr dahinter. Kannst du erzählen, was dort abläuft?

Stefan: Ich schaue jetzt zu den letzten Schweigeseminaren zurück. Beispielsweise bekommen sie Impulse, und zwar jeden Tag zwei Stück in Form einer Mindmap. Die letzten waren kurz vor Weihnachten, und dementsprechend begegnet uns bei jedem Impuls eine Person oder eine Gruppe aus der Weihnachtsgeschichte. Das ist gar nicht so theologisch oder so fromm, wie jetzt manch einer denken könnte. Nehmen wir als Beispiel die drei Weisen aus dem Morgenland. Die drei Weisen sind für mich diejenigen, die Gelegenheit haben, einfach mal auszusteigen. Wo habe ich selbst die Möglichkeit, auszusteigen? Will ich es auch meinen Mitarbeitern ermöglichen, deren eigenen Stern zu folgen? Was müsste ich mitbringen, damit ich sage, diese Auszeit hat sich gelohnt, sich auf den Weg zu machen hat sich gelohnt? Genauso auch, diese drei Weisen bekommen von Herodes ein Dreiecksangebot, „ich sage euch, in welche Richtung ihr gehen müsst, und ihr sagt mir hinterher genau, wo das Kind ist“. Wo bekomme ich in meinem Umfeld Dreiecksangebote, „wenn du dieses für mich tust, dann tue ich jenes für dich“? Und wo ist vielleicht meine Grenze, Dinge zu tun oder eben auch nicht zu tun?

Wie gesagt, da gibt es zweimal täglich einen Impuls. Und dann liegt gleichzeitig auch eine Liste aus, in die sich jeder für eine Stunde Auszeit vom Schweigen eintragen kann. Und dann haben wir systemisches Coaching. Dafür habe ich einen ganz großen Werkzeugkasten, je nachdem, mit welchem Anliegen jemand kommt. Da gucken wir einfach genau hin. Es kann sein, dass wir zusammen in die Umgebung laufen und nach einem Platz für die augenblickliche Situation des Teilnehmers suchen. Was kann man an der Stelle verändern? Es kann auch sein, dass wir eine Geschichte haben oder dass wir mit einer kleinen Aufstellung arbeiten, um die ganze Thematik nochmal plastischer zu machen. Und meist kommt es damit auf die Fragen heraus, die in dem Moment wichtig sind. Und dementsprechend sind auch ihre Antworten.

Ivan: Mir ging es so, bei dieser Stunde Coaching, die ich auch sehr gerne in Anspruch genommen habe, ist es einfach aus mir herausgesprudelt, weil ich bereits zwei Tage geschwiegen hatte. Ich hatte das Gefühl, jetzt geht der Wasserhahn auf, und dann blubbert einfach vieles heraus. Anderen geht es vielleicht anders, bei ihnen kommt möglicherweise gar nicht so viel heraus, aber das darf alles auch Platz haben.

Stefan: Absolut. Dementsprechend kommen dann Fragen oder verschiedene Angebote. Es kam sogar schon vor, dass wir uns in einer solchen Auszeit gemeinsam Unternehmensbilanzen angeschaut haben. Man kommt mit einem Unternehmensthema nach dem Motto, „bei mir im Unternehmen läuft es nicht so gut“. Und dann schauen wir uns einfach auch mal die Zahlen an. Als Hintergrund, ich habe früher eine kaufmännische Ausbildung bei Merck gemacht und habe danach bei Pirelli gearbeitet. Das heißt, der ganze wirtschaftliche Bereich ist mir nicht fremd. Und dann kommen wir auf einmal über die Bilanz an den Punkt, wo es um das Selbstwertgefühl geht. Und oftmals ist dann ein Arbeiten am Selbstwertgefühl, um die Sachen wieder in den Fluss zu bringen. Das ist manchmal hart konfrontierend, aber so ist es.

Ivan: Das ist von mir aus gesehen ein Alleinstellungsmerkmal von dir, dass du beide Seiten hast. Du bist gelernter Kaufmann und evangelischer Pfarrer, also Business und Bibel. Das ist natürlich toll für ein Schweigeseminar. Ich kann mich erinnern, die Teilnehmer an dem Seminar, an dem ich teilgenommen habe, waren auch Solopreneure oder standen irgendwo in der Wirtschaft im Business und haben sich diese Auszeit gegönnt und eigentlich auch geschenkt. Du hast es vorhin angeklungen mit den drei Weisen, dass man sich fragt, wie das eigene Verhältnis mit den Mitarbeitern und den Arbeitskollegen ist. Und du bietest auch Schweigeseminare für Unternehmen und Organisationen an. Das finde ich besonders spannend, wenn ich mir vorstelle, dass ich mit meinem Chef oder mit meinen Mitarbeitern in einem Schweigeseminar bin. Wie laufen diese Seminare ab, unterscheiden sie sich von den normalen Schweigeseminaren oder ist das genau dasselbe?

Stefan: Der erste grundlegende Unterschied ist, stell dir vor, du wärst noch in einem Unternehmen, und dein Chef bietet dir die Teilnahme an einem solchen Unternehmensschweigeseminar an. Was wäre dein erster Gedanke? Was meinst du? Dein Chef kommt und sagt, „Ivan, vom 01. bis zum 04. März gehst du mit mir schweigen!“

Ivan: Es kommt sehr auf das Verhältnis an, das ich mit dem Chef habe. Wenn ich ein gutes Verhältnis habe sage ich, „toller Chef, der mir so etwas ermöglicht“. Wenn es aber Spannungen im Unternehmen gibt und wir vielleicht nicht so ein gutes Verhältnis haben, dann denke ich, „oh nein, jetzt kommt er wieder mit so einer Maßnahme, und eigentlich wäre er doch derjenige, der in ein Coaching gehen müsste“. Es kommt ein bisschen darauf an, wie die Beziehung zueinander ist.

Stefan: Das ist der eine Punkt, und der andere Punkt ist, was erfährt der Chef oder ist klar, dass alles, was in diesem Moment gesprochen wird zwischen der Führungskraft und mir, auch nur in diesem Zweiergespräch bleibt? Oder gibt es irgendein Feedback an das Unternehmen? Und deshalb möchte ich vorher mit allen Teilnehmern in einer Gruppe erstmal gesprochen haben, damit ganz klar ist, dass es kein Feedback an das Unternehmen gibt, zumindest nicht von mir. Sprich, es gibt keine Dreiecksverträge. Jeder hat die Möglichkeit, diese Auszeit für sich und für das Unternehmen zu nutzen. Die Frage ist immer, mit welchem Grundfokus gehen wir in eine solche drei-, viertägige Auszeit? Beispielsweise, wohin wollen wir uns mit dem Unternehmen ausrichten und den Blick gerade nicht auf die Zahlen werfen, sondern wo stehen wir eigentlich, und was können wir dementsprechend auch dem Kunden anbieten? In dieser Richtung passiert auf einem Schweigeseminar sehr, sehr viel, auch, wenn nicht gesprochen wird oder gerade, weil nicht gesprochen wird. Ich glaube, das Reden wird manchmal überbewertet.

Ivan: Heißt das auch, dass du dann mit dem Unternehmen, wenn sie das wollen, die Impulse oder die Fragen, die du deinen Teilnehmern stellst, abstimmst?

Stefan: Die Grundimpulse, die kann ich gerne herausgeben. Was in den einzelnen Auszeiten vom Schweigen passiert in dieser Stunde, das ist natürlich zwischen demjenigen, der mit mir spricht und mir exklusiv.

Ivan: Das ist klar. Kann ein Unternehmen auf dich zukommen und sagen, sie haben Spannungen in einem Team, und sie möchten, dass im Schweigeseminar jeder für sich überlegt, was seine Rolle im Team ist und was er zu einem guten Zusammenhalt beitragen kann? Dass er quasi mit den Fragen für die Teilnehmer schon daherkommt?

Stefan: Wenn die Ausgangslage heißen würde, „wir wollen unser Team weiterentwickeln“, dann würde ich an dieser Stelle gar nicht mehr voraussetzen. Denn die Erfahrung ist, du kannst nicht nicht kommunizieren, wie Watzlawick gesagt hat. Und in dem Moment, wo du keine Worte benutzt, achtest du viel mehr zum Beispiel auf die Haltung. Du achtest auf Mimik, du merkst, wie einzelne miteinander harmonieren oder wo es hakt. Das merkst du für dich, das merkt aber auch die Gruppe. Und daraus entwickelt sich dann etwas. Deshalb würde ich anfangs noch gar nicht so viel vorgeben.

Ivan: Das kann ich übrigens auch sehr bestätigen aus meiner eigenen Erfahrung. Das hast du mir auch schon im Vorgespräch meines Schweigeseminars erzählt, dass man mit der Zeit natürlich trotzdem kommuniziert. Und wenn man beim Essen das Salz will, dann geht das, und wenn man zusammen am Tisch sitzt oder beim Kaffee und Kuchen am Nachmittag, dann spürt man ganz genau, „oh, den beschäftigt aber was“ oder „heute hat er einen Durchbruch gehabt“ oder etwas in der Art. Man sieht das, man spürt das, wenn man sich auf den anderen einlässt, auch ohne, dass man miteinander spricht. In meinem Seminar gab es den einen oder anderen Teilnehmer, den ich bereits vorher kannte, aber nur online. Ich habe sie dann dort das erste Mal überhaupt live getroffen. Und das Interessante ist, am ersten Abend darf man noch miteinander sprechen, aber das war nur ein kurzer Abschnitt. Trotzdem habe ich jetzt eine andere Beziehung zu ihnen, so ähnlich, als hätte ich ein Wochenende in einem normalen Seminar verbracht, obwohl wir praktisch nicht miteinander gesprochen haben. Aber eben, es kommuniziert trotzdem, und man ist trotzdem am selben Tisch und spürt einander oder nimmt einander einfach anders wahr. Das fand ich ganz spannend.

Stefan: Absolut. Ich gehe für mein Seminar ins Kloster, nehme aber auch gerne Hotels mit einem Wellnessbereich. Du spürst die Chemie unter den einzelnen, und du merkst, wer ins Team passt und wer nicht. Oder möglicherweise ist jemand dabei, der neu dazugekommen ist, und man merkt, dass es auf die Dauer nicht gutgehen wird. Und derjenige merkt es dann auch selbst. Wenn du siehst, dass du eigentlich etwas verändern müsstest, aber du traust dich nicht oder hast zu viele Zwänge, wenn du nichts veränderst, ist das wie beim Autofahren, auch wenn du eher der Bahnfahrer bist. Da ist diese gelbe Öllampe, und wenn sie auf einmal aufleuchtet, dann kannst du rechts ranfahren und Öl nachfüllen, du kannst aber auch sagen, dass du lieber nicht hinguckst. Du kannst auch ein Pflaster drüberkleben, sie leuchtet trotzdem weiter auf. Du kannst die gelbe Öllampe auch ausbauen, und irgendwann hast du einen Kolbenfresser. Wenn du merkst, das passt so nicht, dann musst du schauen, was du alternativ machen kannst. Wo kannst du dich an dieser Stelle weiterentwickeln? Möglicherweise auch im eigenen Unternehmen, aber in einem anderen Bereich. Gibt es etwas, was ich dazunehmen kann, darf ich vielleicht etwas dafür abgeben? Das sind Sachen, die unterschwellig passieren, und diese Schweigeseminare liefern meiner Erfahrung nach die nächsten sechs bis acht Wochen nach. Das heißt, da wird das eine oder andere nochmal deutlicher oder man hat plötzlich eine Idee, „ja, so geht’s!“

Ivan: Darauf komme ich gerne gleich nochmal zurück. Ich möchte nochmal etwas fragen zu den Schweigeseminaren für Unternehmen und Organisationen. Du hast mir im Vorgespräch gesagt, dass du gerade ein Seminar hattest, wo auch der Kunde dabei ist, der Auftraggeber. Kannst du dazu noch etwas erzählen? Wie kam das zustande oder was war die Motivation dahinter, auch gleich den Kunden mitzunehmen?

Stefan: Die Motivation kam zunächst von außen, aber es gibt ja bekanntlich keine Zufälle. Das Haus, in dem wir waren, gab uns eine Vorgabe von mindestens zehn Teilnehmern. Nun war die Situation auf einmal, dass aus der Organisation nur acht Leute konnten. Die Geschäftsführerin fragte dann ihre Führungskräfte, „wir haben noch zwei Plätze frei, wen wollt ihr denn mitnehmen?“ Und die hatten noch Freunde, die aber gleichzeitig in dem Kundennetzwerk oder Auftraggebernetzwerk drin waren. Von mir aus war das in Ordnung, und dann haben noch drei Personen aus dem Netzwerk teilgenommen.

Ivan: Sehr spannend, das war natürlich auch interessant zu hören, wie es denen ging und was sie erlebt haben. Ich finde das großartig, dass eine Organisation oder ein Unternehmen nicht nur die Mitarbeiter einlädt, sondern auch zwei, drei Kunden oder Auftraggeber. Das ist natürlich auch eine sehr schöne Idee.

Stefan: Und es zeugt auch von einem ganz großen Vertrauensverhältnis und von einer großen Weite, denn vorher weiß keiner, was genau herauskommen wird. Bei vielen Seminaren, die du buchst, weißt du, am Ende sollst du drei Prozent mehr Umsatz machen oder was auch immer. Bei den Schweigeseminaren kannst du das so nie sagen. Was ich sagen kann, das ist, dass vieles in Fluss kommt. Durch die ganzen Jahre hinweg habe ich auch Menschen, die immer wiederkommen, die einfach merken, dass ein dicker Stein aus ihrem Fluss herausgenommen worden ist oder dass etwas besser umschiffbar geworden ist. Da kommt Bewegung rein. Aber ich kann vorher nicht sagen, „ich mache dieses Seminar, und dann habe ich…“

Ivan: Das kann ich auch bestätigen und auch, was du vorhin gesagt hast, dass ein solches Schweigeseminar erfahrungsgemäß sechs bis acht Wochen nachklingt, und dass irgendetwas in einem passiert. Das kann ich genauso auch unterschreiben. Manchmal hat man in einem Schweigeseminar Erkenntnisse, manchmal erarbeitet man auch etwas. In meinem Schweigeseminar habe ich mir sehr viele Gedanken über das kommende Jahr gemacht. Ich habe dort auch meine Ziele erarbeitet und weiß von einem Kollegen, dass er das auch so gemacht hat. Das muss nicht sein, aber manchmal kommt man dort heraus und hat eine Erkenntnis. Wie gelingt es einem, diese Erkenntnis auch tatsächlich in den Alltag zu integrieren und nicht einfach wieder zu vergessen? Wie gelingt die Umsetzung, dieser Knackpunkt, den eigentlich jedes Seminar, jede Weiterbildung, jede Maßnahme hat? Wie kann das besser gelingen?

Stefan: Zum einen habe ich vorhin bereits gesagt, es gibt für jeden ein leeres Buch, sprich, du kannst immer wieder in dein Buch zurückschauen. Das sind keine Unterlagen, die dir jemand mitgegeben hat, sondern es sind deine ganz persönlichen Aufzeichnungen, an denen du dich selbst messen kannst. Es gibt Teilnehmer, die waren schon vor zehn Jahren dabei, und die haben letztes Jahr erneut an einem Seminar teilgenommen. Sie haben immer noch dasselbe Buch und sagten, das und das und das, was sie damals für sich erarbeitet haben, das hat sich über die Jahre hinweg bewährt oder auch weiterentwickelt. Das heißt, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Dann gibt es den einen oder anderen, der sagt, er möchte an einem bestimmten Punkt noch einmal ansetzen, er möchte sich noch weiter begleiten lassen, vielleicht auch für das folgende Jahr. Bei vielen ist einfach die innere Motivation sehr hoch, weiterzuarbeiten. Natürlich gibt es immer diejenigen, die es schön fanden und das wars, aber das sind die Allerwenigsten. Zumal, und das kennst du wahrscheinlich auch noch aus deiner Unternehmenszeit, da sagt man, „aha, der Chef war wieder auf einem Seminar, ab Donnerstag wird er wieder normal sein“. Da muss ich sagen, das wird in dem Fall nicht passieren. Das ist in aller Regel eine deutlich längere Veränderung, weil einfach sie einfach in der Stille deutlich tiefer geht.

Es gab Leute, die haben das erste Mal überhaupt ihrer Frau einen Liebesbrief geschrieben, den allerersten Liebesbrief in einer soundso langen Beziehung oder Ehe. Und das hat auf einmal ganz deutliche Veränderungen gebracht. Oder wo man merkt, hier fühle ich mich in dieser Geschäftsführerkonstellation nicht mehr wohl, ich brauche dieses und jenes oder gegebenenfalls auch, „hier muss ich rausgehen“. Insofern wird mir deutlich bewusst, was habe ich davon, wenn ich etwas verändere? Aber eben auch, was muss ich in letzter Konsequenz zahlen? Jeder meint, wenn ich nichts verändere, dann zahle ich nichts oder der Preis bleibt gleich. So ist es nicht, denn auch dann zahlt man einen Preis für das Stehenbleiben, für Möglichkeiten, die man nicht hat oder für Entwicklungschancen, die man dann nicht bekommt.

Ivan: Nach meinem Schweigeseminar habe ich jede Woche auf einen Teil dieses Buches draufgeschaut, und zwar dorthin, wo ich Ziele notiert hatte und Dinge, die ich verändern wollte. Dadurch habe ich versucht, im Rahmen meines Wochenrückblicks die Verbindung nicht zu verlieren. Das war eine Aufgabe, die jede Woche aufgeploppt ist. Ich habe sie nicht jede Woche konsequent gemacht, manchmal hatte ich dann eben keine Zeit, aber ich habe sicher zwei- bis dreimal im Monat wieder in dieses Buch hineingeschaut, um mich damit wieder zu verbinden und damit es nicht verschwindet. Ich weiß nicht mehr, ob es aufgrund eines Inputs von dir war, aber ich habe mir während dieses Schweigeseminars selbst einen Brief geschrieben, den ich ein Jahr später öffnen durfte. War das ein Impuls von dir?

Stefan: Er könnte auf jeden Fall von mir sein, denn das ist etwas, womit ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Rückfrage zu dir, wieviel Prozent würdest du sagen, hat nachher zugetroffen?

Ivan: Das ist ganz schwierig zu sagen. Es war nicht so viel, wie ich erwartet hätte.

Stefan: Okay!

Ivan: Vor allem, und das war ganz spannend, bei mir war es etwa vor einem Monat, als ich den Brief aufmachen konnte, denn meine Frau hat ihn treuhänderisch verwaltet. Ich habe schon einen Tag vorher gesagt, „ach komm, gib mir jetzt den Brief, ich mag nicht bis morgen warten“, und sie antwortete, „nein, bis morgen musst du warten!“ (Lacht)

Stefan: (Lacht) Super.

Ivan: Ich habe einige Dinge gesehen, die ich schon vor einem Jahr mit in das Seminar genommen habe und die ich noch nicht gelöst hatte. Und das hat mich ein wenig überrascht. Ich habe das damals mit einer sehr großen Klarheit gesehen, eigentlich mit einer größeren Klarheit als jetzt. Und das war überraschend. Prozentmäßig ist es natürlich schwierig zu sagen, was eingetroffen ist und was nicht. Es ist wirklich schwierig. Ich habe in dem Brief auch bewusst sehr groß gedacht, eigentlich auch schon in dem Wissen, dass ich manches nicht zu hundert Prozent erreichen kann. Aber lieber zu groß denken und dann nur achtzig Prozent erreichen als zu klein denken, denn dann ist es keine Herausforderung. Aber es war in jedem Fall spannend. Ich konnte mich überhaupt an nichts mehr erinnern, was in dem Brief stand, wirklich Null. Ich habe einen Tag lang überlegt, was habe ich mir vor einem Jahr geschrieben? Ich wusste wirklich gar nichts mehr. (Lacht) Und das war überraschend.

Stefan: Aber dann ist es einfach auch gut, wenn man manche Sachen abgibt und sie sich unter der Hand dann doch entwickeln, möglicherweise gar nicht in die Richtung, die man vorher im Blick hatte. Vielleicht sind dann andere Dinge dazugekommen oder plötzlich wichtiger geworden, und dann gibt es Punkte, die du dann anders eingebaut hast.

Ivan: Absolut. Man verändert sich, die Welt verändert sich, und einige Dinge sind plötzlich nicht mehr so wichtig, die vor einem Jahr noch wichtig waren. Dafür sind andere Sachen wichtiger geworden. Ich sehe das auch alles ganz entspannt. Ich möchte auf alle Fälle das Schweigeseminar bei dir nicht missen, und ich weiß, das war zwar mein erstes, aber es war bestimmt nicht mein letztes Schweigeseminar. Wenn jemand denkt, das klingt wirklich gut, was der Stefan da macht, wo kann er sich darüber informieren?

Stefan: Ich habe eine Homepage, die heißt www.stefanhund.com. Dort gibt es eine Grundinformation darüber, was auf einem solchen Schweigeseminar passiert, und da sind auch die Termine für die offenen Seminare aufgeführt. Dieses Jahr mache ich noch drei bis vier offene Seminare, im Mai, im Juli und im November und Dezember. Wir machen auch Seminare für Firmen und Organisationen oder auch, wenn du zum Beispiel sagst, ihr habt Lust, gemeinsam mit eurer Peer Group ein solches Seminar zu machen. Das geht natürlich auch. Auf der Webseite gibt es auch einen Link zu Proven Expert, wo Menschen unabhängig von mir ein Feedback geben, wie es war und was sie mitgenommen haben. Und wer Ivan im Bild sehen will, der sieht auch, dass mir Ivan ein Feedback gegeben hat, über das ich einfach mal „danke“ sagen möchte.

Über das Kontaktformular auf der Webseite kann man mir eine Mail schreiben, und ich melde mich in der Regel in wenigen Tagen zurück, damit wir uns per Telefonat, per Skype oder wie auch immer kennenlernen und schauen, ob es in dem Moment passt und wie die Erwartungen sind. Und dann kann man gerne sagen, dass man durchstartet.

Ivan: Auf stefanhund.com findet ihr alle Informationen, und dort gibt es auch die Kontaktdaten zu Stefan.

Stefan: Gerne. Eines habe ich vielleicht doch nochmal. Und zwar, ich bin von Hause aus auch Klinikpfarrer, und in der Klinik erlebe ich häufig Menschen, die altersmäßig zwischen uns beiden sind, also zwischen 40 und 55, die sich keine Auszeit genommen haben und dann auf einmal auf der Intensivstation mit dem Infarkt liegen. Und viele bedenken zu spät, dass das die Worte „Hetze“ und „Hass“ vom Grundwortstamm miteinander zu tun haben. Und wenn ich mir keine Auszeiten nehme, dann wird der Körper sie irgendwann einfordern. Und dazu sollte es nicht kommen, sondern dann lieber vorher eine Auszeit nehmen.

Ivan: Ein wunderbares Schlusswort, lieber Stefan. Vielen Dank nochmal für das Gespräch.

Stefan: Gerne.

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Ivan Blatter

Über Ivan Blatter

Ich bin Personal Trainer für neues Zeitmanagement und zeige meinen Kunden, wie sie ihre Produktivität verdoppeln und mehr erreichen, ohne sich dabei auszulaugen.

Ich helfe einerseits Solopreneuren und Unternehmern, ihr persönliches Zeitmanagement zu verbessern, so dass sie ihr volles Potential umsetzen können für ein erfolgreiches Business mit mehr Freude und Motivation. Andererseits unterstütze ich Unternehmen dabei, die Produktivität ihrer Teams zu erhöhen und so die Ziele schneller zu erreichen.

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