Am 1.1.2015 habe ich meinen Lesern das "Du" angeboten.
In den älteren Artikeln sieze ich noch, wir bleiben aber natürlich gerne beim "Du". :-)

Energiemessung

Wie die meisten wohl wissen, schlafen wir in einem bestimmten Rhythmus, nämlich in Schlafphasen, in denen wir vom leichten Schlaf bis in den Tiefschlaf und dann in den REM-Schlaf wechseln. Dieser Zyklus dauert etwa 90 Minuten und wir durch”schlafen” ihn 5-7 Mal pro Nacht.

Weniger bekannt ist, dass wir dem gleichen Zyklus auch tagsüber unterworfen sind, allerdings in wachem Zustand. :-) Die Hochs und Tiefs sind zwar nicht so stark ausgeprägt wie in der Nacht, aber sie zeigen sich trotzdem deutlich in wechselnder Leistungsbereitschaft und -fähigkeit. Diesen Zyklus kann man ausnützen, um den Tag optimal zu planen – sofern man ihn kennt und die Freiheit hat, den Tag selber einzuteilen.

In den verschiedenen Phasen eines Zyklus hat man unterschiedlich viel Energie. Die Arbeit und die Konzentration fallen einem je nachdem leichter oder eben schwerer. Der Zyklus lässt sich grob in 5 Phasen unterteilen.

  1. Aufstieg: Die Energie nimmt zu, aber hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Eine sehr angenehme Phase, da es immer besser geht!
  2. Zwischenhoch: Hier ist die Energie schon recht hoch, aber sie erreicht nicht das Tages-Maximum. Das Zwischenhoch ist gleichzeitig der Wendepunkt zwischen Aufstieg und Abstieg.
  3. Aussichtsplattform: Das ist die wertvollste Zeit. Hier ist man im ausgeprägtesten Hoch des Tages, eine bessere Zeit wird man nicht mehr haben. Die Energie ist sehr hoch, die Konzentration ebenfalls, die Stimmung gut. Auf der Aussichtsplattform befindet man sich höchstens 2-3 Mal pro Tag, öfter nicht. Dazwischen kann man aber mehrere Zwischenhochs erreichen, wo die Energie zwar hoch ist, aber nie so hoch wie auf der Aussichtsplattform.
  4. Abstieg: Nach jedem Aufstieg folgt irgendwann der Abstieg. Der Energielevel und die Motivation sinken, es geht nicht mehr richtig vorwärts.
  5. Zwischentief: Das Zwischentief merkt man am Gähnen, wenn die Gedanken abschweifen und die Aufmerksamkeit nachlässt. Aber man ist noch nicht völlig erschöpft und todmüde, sondern kann sich wieder aufraffen. Denn nach einem Zwischentief geht es wieder bergauf.

Wie lange man sich in welcher Phase befindet, lässt sich nicht genau bestimmen, die Grenzen sind fliessend. Aber man kann von einem Rhythmus von 90 Minuten ausgehen. Trotzdem kann es durchaus sein, dass man sich eine ganze Stunde lang in der Phase “Aussichtsplattform” befindet, dafür gehen der Aufstieg und der Abstieg recht zügig vor sich. Ich erlebe das oft: Als ausgesprochener Morgenmensch komme ich schnell nach dem Aufstehen auf die Aussichtsplattform und befinde mich recht lange in dieser Phase, dafür geht der anschliessende Abstieg sehr schnell vor sich. Die Tageszeit und was für ein Chronotyp (Morgen- oder Nachtmensch) jemand ist, beeinflussen also, wie weit man kommt (nach oben oder nach unten). Nur nachmittags haben fast alle Menschen ein ausgeprägtes Tief.

Um den Tag an den eigenen Energiezyklus anzupassen, muss man ihn zuerst kennen. Dazu habe ich mir eine ganz einfache Tabellenkalkulation erstellt, wo ich meine subjektiv gefühlte Energie stündlich eintrage. Das Diagramm zu Beginn dieses Beitrags gibt meine Messung von Dienstag wieder. Dienstag war ein sehr guter Tag, wo ich vormittags viel Energie hatte.

Charles von “Productive Flourishing” hat eine Headmap erstellt, die dem gleichen Zweck dient. Ursprünglich habe ich zuerst so eine Headmap aus dem Kopf ausgefüllt: Sie gibt wieder, was ich für ein Ergebnis erwartet habe. Das tatsächliche Ergebnis hat mich dann aber überrascht: Offenbar habe ich zwischen 8 und 9 Uhr ein Zwischentief, und nach dem Mittag habe ich mehr Energie als erwartet. Das war mir bisher nicht bewusst: Ich habe schwierige Arbeiten, wo ich mich konzentrieren muss, immer zwischen 8 und 9 Uhr gelegt, weil ich dachte, dann sei ich noch frisch. Meine erste und längste Aussichtsplattform habe ich jedoch bereits zwischen 6 und 7 Uhr (oder länger). Zwischen 8 und 9 Uhr bringe ich es hingegen nicht einmal zu einem kräftigen Zwischenhoch…

Aber nicht nur die Zwischenhochs und Alpenpanoramas sind wichtig und interessant: Auch die Zwischentiefs verdienen unsere Aufmerksamkeit. Denn während eines Tiefs entspannen und regenerieren sich Körper und Geist. Sie schöpfen Kraft für das nächste Hoch oder die nächste Aussichtsplattform. Deshalb ist klar, was passiert, wenn wir die Tiefs ignorieren (z.B. keine Pausen machen) oder ungünstig ausfüllen (z.B. rauchen oder im Internet surfen): Dann haben wir zu wenig Schwung für das nächste Hoch und dieses fällt entsprechend niedriger aus.

Ich finde dieses Thema sehr spannend: Wenn das so stimmt (und meine Selbstbeobachtungen deuten darauf hin), dann müsste es möglich sein, durch das Ausnützen des persönlichen und natürlichen Rhythmus ganz einfach die Produktivität zu erhöhen – ohne dass man sich verausgabt. Wenn wir die Tiefs als das ernst nehmen, wozu sie da sind (nämlich Entspannung und Regeneration), erleben wir mehr und höhere Hochs. Damit können wir effektiver und effizienter arbeiten und schlussendlich mehr erreichen, als wenn wir versuchen, uns durchgehend auf hohem Niveau zu bewegen. Damit sind wir am Abend auch weniger erschöpft oder gestresst und schlafen besser. Und das gibt uns wiederum mehr Energie für den kommenden Tag.

Ist daher ein geschicktes Energiemanagement die Lösung aller Probleme? Nein. Aber wenn man sich seinem Rhythmus anpasst – und nicht umgekehrt – (sofern es der Job erlaubt), glaube ich schon, dass man mit wenig Aufwand sehr viel mehr erreichen kann. Ich werde dran bleiben und weiter berichten!

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