Hast du heute schon was aufgeschoben? Ganz ehrlich: ich habe schon einiges aufgeschoben:

  • Ich blieb noch ein paar Minuten im schönen, warmen Bett.
  • Danach habe ich in ein paar Facebook-Gruppen gelesen, anstatt mich parat zu machen und zum Sport zu gehen.
  • Bevor ich diese Zeilen schrieb, habe ich zuerst mal gemütlich Kaffee getrunken.

Aufschieberitis (oder Prokrastination) ist ein ganz normales Verhalten für uns Menschen. Jeder schiebt mal auf – meistens sogar täglich.

Richtig problematisch wird es aber dann, wenn wir ständig oder regelmäßig aufschieben und so unsere Aufgaben nicht oder erst auf den letzten Drücker erledigen. Also weder zeitnah noch stressfrei.

Meine heutige Aufschieberitis war kein Problem. Vielleicht war es eher Trödeln, doch ich war pünktlich beim Sport und mit diesem Text hier bin ich auch voll auf Kurs.

Was hinter der Aufschieberitis wirklich steht, weshalb der Begriff des „inneren Schweinehund“ problematisch ist und wie du ihn ins Boot holst, erfährst du hier.

Aufschieberitis

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Wenn wir aufschieben, ist eigentlich klar, was passiert: Ich weiß, was ich tun soll oder will, doch irgendetwas ist attraktiver für mich.

Oder anders gesagt: der kurzfristige Gewinn (z.B. Kaffee trinken) gewinnt über den längerfristigen Nutzen (z.B. Artikel veröffentlichen). Der Kaffee löst bei mir angenehme Gefühle aus, das Schreiben zwar auch, ist aber dennoch mit Arbeit verbunden.

Trotzdem war der langfristige Gewinn (hier: des Artikels) für mich so attraktiv, dass ich mich dann eben nach einem kleinen Espresso sofort an die Arbeit gemacht habe – und das erst noch mit viel Spaß!

Leider ist es nicht immer so. Im Gegenteil: Manchmal schaffen wir es fast nicht, tatsächlich ins Handeln zu kommen. Das einzige Handeln ist dann das Einhandeln von Problemen.

Das Problem mit dem inneren Schweinehund

Mein Freund Martin Feigenwinter bringt das Phänomen Prokrastination auf den Punkt. Martin war früher Sportler auf Weltniveau (inkl. Olympiateilnahme). Neben seinem Job stand in der Freizeit natürlich noch das harte Training an. Ich weiß nicht, ob er damals viel aufgeschoben hat. Heute arbeitet er in jedem Fall mit jungen Athleten und zeigt ihnen, wie sie es auch mental zur Meisterschaft bringen.

Aufschieben, Prokrastination und der innere Schweinehund sind dabei natürlich immer ein Thema.

Bei Martin habe ich eine interessante Einsicht kennengelernt, die ich gerne in meinen Worten wiedergebe.

Wir sprechen ja so gerne vom inneren Schweinehund, der uns im Weg steht. Dieser Begriff ist aber hoch-problematisch.

Wir können nämlich die Prokrastination nicht einfach auf ein Fabelwesen projizieren, das sozusagen neben uns steht und uns schaden will.

Im Gegenteil! Aufschieberitis ist nichts anders als ein Motivkonflikt in uns selber.

Wenn man so will, bestehen wir aus verschiedenen Teilen. Jeder Teil von uns will nur das Beste für uns – auch der sogenannte innere Schweinehund. Der sitzt übrigens in unserem Unterbewusstsein.

Nun kann es sein, dass unser Verstand und unser Unterbewusstsein etwas völlig anderes wollen.

  • Mein Verstand: „Steht auf, geh zum Sport, das tut dir gut, gibt dir Power und du fühlst dich den ganzen Tag wunderbar.“
  • Mein Unterbewusstsein aber: „Heute ist kalt, vielleicht regnet es sogar, ich bin noch müde, das Bett ist so schön weich und warm.“

Prokrastination als Motivkonflikt

Das Unterbewusstsein meint es nicht mal böse. Sondern ich habe verschiedene Erfahrungen gemacht, die das Unterbewusste schön abgespeichert hat. Negative Erfahrungen (Kälte, Regen, Anstrengung beim Sport) im Angstsystem, angenehme Erfahrungen im Belohnungssystem.

Schon haben wir den Motivkonflikt. Sowohl der Verstand wie auch das Unbewusste haben Recht und wollen nur das Beste für mich. Das Unterbewusstsein in diesem Fall zwar eher kurzfristiges Wohlbefinden, der Verstand hingegen das mittel- bis langfristige Wohlbefinden.

Wer gewinnt? Das kommt darauf an. Ich könnte es mit Selbstkontrolle versuchen und mich mittels Disziplin zwingen, aufzustehen und zum Sport zu gehen.

Das kann klappen, aber kostet viele Ressourcen, viel Energie und macht keinen Spaß.

Verlasse ich mich einzige und allein darauf, wird das heute vielleicht klappen, doch in den nächsten Tagen und Wochen wahrscheinlich nicht mehr. Besonders nicht morgens früh, wenn man ohnehin noch nicht so viel Power und Disziplin hat.

Vielleicht gäbe es aber eine schlauere Variante. Was würde nämlich geschehen, wenn es mir gelingt, das Unterbewusste auch ins Boot zu holen? Wenn plötzlich mein Verstand und mein Unterbewusstes am selben Strick ziehen?

Ja, dann wäre ich nicht mehr zu stoppen!

So holst du das Unbewusste ins Boot

Der Begriff des „inneren Schweinehunds“ ist problematisch, doch er kann uns helfen, den Motivkonflikt zu lösen.

Stell dir nur mal vor, du müsstest den inneren Schweinehund überzeugen. Wie tätest du das?

Genauso, wie du einen Freund überzeugen würdest. Nehmen wir an, du willst am Wochenende wandern gehen, doch dein Kumpel hat keine Lust dazu.

Sagst du ihm dann das hier?

Denk nur an deinen Schrittmesser und wie viele Schritte du dann tun würdest! Und Bewegung ist erst noch gesund.

So würde der Verstand argumentieren. Doch das überzeugt weder deinen Freund noch den inneren Schweinehund oder dein Unbewusstsein.

Nein, du würdest ihm doch eher so was sagen:

Hey, weißt du noch, als wir das letzte Mal an dem Fluss saßen? Da haben wir doch eigentlich erst unsere Idee für das neue Projekt entwickelt. Das war richtig cool!

Oder:

Wir könnten ja nach der Wanderung wieder in dieses Restaurant mit den feinen Rösti gehen. Weißt du noch wo?

OK, das ist ein wenig konstruiert. Doch beide Aussagen sprechen die Sprache des Unbewussten. Sie erinnern an eine gute Erfahrung und an etwas, was so richtig Spaß gemacht hat.

Der innere Schweinehund als Freund

Vergiss nicht: der innere Schweinehund (oder dein Unbewusstes) will auch nur das Beste für dich. Manchmal musst du ihm einfach nur auf die Sprünge helfen und zeigen, wie er dir wirklich zu (psychischem) Wohlbefinden verhelfen kann und schon tut er genau das.

Lass mich noch ein Beispiel machen: Ich will eigentlich den Artikel hier schreiben, aber irgendwie surfe ich lieber im Internet herum. Mein Unbewusstes signalisiert: Facebook=Spaß. Arbeit=…eben Arbeit.

Jetzt könnte ich doch hingehen und mir so richtig ausmalen, was geschieht, wenn der Artikel hier veröffentlicht ist:

  • Ich kann mir ausmalen, wie andere Menschen den Artikel lesen und ihnen vielleicht – wie mir – ein Licht aufgeht.
  • Ich kann mir in bunten Bildern ausmalen, wie plötzlich andere Menschen weniger aufschieben.
  • Oder ich kann mir ausmalen, wie die Besucherzahlen hoch gehen und der eine oder andere vielleicht sogar ein Webinar bei mir besucht, ein Produkt kauft oder sogar ein Mentoring machen will.

Hier ist das entscheidende Stichwort: ausmalen.

Das Unbewusste hat keine Ohren und keinen Verstand. Doch das Unbewusste (und damit auch der innere Schweinehund) versteht Bilder, Töne, Farben usw.

Male ich mir also ein Bild aus und kann die Leser (dich!) sehen, spüren oder verstehen, dann registriert das mein Unbewusstes.

Genauso beim Sport. Habe ich mal keine Lust, Sport zu machen, dann stelle ich mir immer bildlich und ganz konkret vor, wie ich dann den ganzen Tag produktiv, voller Energie und Power bin, wie mir die Arbeit Spaß macht und wie ich abends zu meiner Frau sage: „Heute war ein so richtig toller Tag!“

Das funktioniert super, weil diese Vorstellung für mich auch wirklich attraktiv ist. Ich kenne meine Werte und weiß, wie wichtig mir Effektivität und Produktivität sind.

Das funktioniert für mich nicht, wenn ich mir vorstellen müsste, wie ich als Erster über irgendeine Ziellinie rennen würde. Das ist für mich überhaupt nicht attraktiv.

Wenn du also den inneren Schweinehund zum Freund haben willst, dann tu folgendes:

  1. Sei dir bewusst, was du wirklich willst. Du – nicht dein Chef, deine Kunden, deine Frau oder dein Mann oder sonst jemand. Sei dir bewusst, was du willst und was dir wirklich wichtig ist.
  2. Schaffe die Verbindung davon zu der Aufgabe, die vor dir steht. Weshalb ist es jetzt so wichtig, diesen Artikel zu schreiben? Wie passt der ins „größere Ganze“?
  3. Male dir den Erfolg in bunten, lauter, schönen Bildern aus.

Der eigentliche „Trick“, um Aufschieberitis oder Prokrastination wirklich in den Griff zu bekommen, besteht also darin, den Motivkonflikt zwischen deinem Verstand und deinem Unterbewusstsein aufzulösen. Es geht darum, dich so weit zu bringen, dass beide an einem Strick ziehen.

Natürlich kann manchmal auch die Selbstkontrolle (oder Disziplin) helfen, doch das kann nur mal eine kurzfristige Lösung sein.

Viel schlauer ist es, den inneren Schweinehund zum Freund zu machen – denn genau das ist er schon von Anfang an.

Bildnachweis: © Depositphotos.com / imagedb_seller

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