Hat Lothar Seiwert ausgetickt? Sein Abschied vom Zeitmanagement

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Lothar Seiwert, der deutsche Zeitmanagement-Papst, schreibt in seinem neuesten Buch selbstkritisch:

In Anfällen von Eitelkeit frage ich mich dann: Ja, was haben meine Bemühungen denn genutzt? Fast 30 Jahre lang toure ich durch die Lande und erzähle hunderttausenden von Menschen, wie sie mit Stress, Komplexität und den steigenden Anforderungen besser zurechtkommen, Millionen Menschen lesen meine Bücher und sehen mich im Fernsehen, und ich versuche, Streskompetenz zu vermitteln, wo es nur geht. Und das Ergebnis? Immer mehr Stresskranke!
(Ausgetickt: Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert. Abschied vom Zeitmanagement, S. 82, Hervorhebung im Original)

Wie geht es aber von dort weiter? Und: Ist Seiwert wirklich konsequent?


Er sieht das Problem im fremdgesteuerten Arbeiten und die Lösung logischerweise in mehr (persönlicher) Selbstbestimmung. Sprich: Wir sollen unser Leben und Arbeiten selbst in die Hand nehmen und uns grundsätzlich fragen: Was wollen wir genau? Was sind wir bereit, dafür aufzugeben?

Lothar Seiwert spricht sich gegen seine eigenen Zeitmanagement-Methoden aus und stellt den Grad an Fremdbestimmung als Ursache für Stress in den Mittelpunkt. Dagegen hilft selbstverständlich kein Zeitmanagement im herkömmlichen Sinn mehr.

Viele Passagen in dem Buch erinnern mich (thematisch) an das Buch von Reinhard K. Sprenger “Die Entscheidung liegt bei dir!“. Auch Sprenger spricht vom Mut zur Entscheidung. Freilich unter Akzeptanz aller Konsequenzen. Sprenger macht es sich vielleicht streckenweise etwas zu einfach, da wir eben doch nicht immer so frei entscheiden könnten, weil wir auch noch für andere sorgen müssen bzw. in ein Beziehungsgeflecht eingebunden sind. Er zerstört aber trotzdem einige Mythen, besonders den Mythos “Wir haben ja keine Wahl!”.

Seiwert geht nun also in eine ähnliche Richtung. Er hat sich ja in den letzten Jahren auf seine Bären zurückgezogen, bei denen es eher um Work-Life-Balance als um Zeitmanagement im engeren Sinn geht. Das fand ich vernünftig. Lothar Seiwert hat grosse Verdienste in der Trainerbranche und im Zeitmanagement, doch seine Methoden hielt ich schon länger für etwas überholt.

Doch jetzt nimmt er plötzlich “Abschied vom Zeitmanagement” (so der Untertitel des Buches).

Damit rennt er bei mir natürlich offene Türen ein. Ich halte Zeitmanagement nicht nur für einen komplett falschen Begriff, sondern sehe Zeitmanagement (um dabei zu bleiben) auch viel breiter. Nutzen Sie nur die herkömmlichen Zeitmanagement-Methoden (bis hin zu GTD), drehen Sie einfach Ihr Hamsterrad immer schneller. Sie helfen Ihnen aber nicht, aus dem Hamsterrad zu springen. Dazu braucht es mehr, nämlich Themen wie:

  1. Energiemanagement: Wie kann ich meine Tanks regelmässig auffüllen?
  2. Gewohnheiten: Wie installiere ich Gewohnheiten, die mir gut tun und mich stärken?
  3. Potential: Wie kann ich all das abrufen, das wirklich in mir steckt?
  4. Commitment: Wozu verpflichte ich mich selbst? Will ich das? Was will ich überhaupt?

Um diese Themen herum gruppiert sich dann die eigene Arbeit. Ist sie losgelöst davon, führt sie zwangsläufig zu Stress und Unzufriedenheit. Ist sie in mir, meinen Wünschen, meinen Visionen, meinen Ziele und meinen Talente verwurzelt, dann gelingt der Sprung aus dem Hamsterrad.

Seit einiger Zeit entwickle ich genau um diese Themen herum ein neues Programm, das ich im nächsten Jahr lancieren will. Die Stossrichtung ist ähnlich wie bei Seiwert, nur mit konkreten Handlungsanleitungen und nicht nur mit schönen Argumenten. Ich freue mich darauf!

Dieses Programm – das Anti-Zeitmanagement – ist nun erhältlich! Informieren Sie sich jetzt!
I.B. 14. März 2012

Jetzt bleibt nur noch ein gespannter Blick auf Seiwert: Nach diesem Buch müsste er nämlich konsequenterweise seine Zeitmanagement-Bücher vom Markt nehmen. Schliesslich verabschiedet er sich ja vom Zeitmanagement. Das gilt auch für seine letzten Bücher “Zeitmanagement mit dem iPad” (2 Monate vor “Ausgetickt” erschienen) oder seinen Klassiker. Ob er diese Konsequenz wohl hat? Ich bezweifle es…

Bei der Gelegenheit: Treffen Sie selber Entscheidungen über Ihr Leben oder lassen Sie andere Menschen entscheiden?

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Kommentare

  1. meint

    Hallo Ivan,

    mein eigenes Selbstmanagement konnte ich auf eine ganz andere Stufe heben, als ich vor Jahren das Buch “Der Weg zum Wesentlichen” von Stephen Covey und seinen Kollegen las. Es trägt zwar in der deutschen Ausgabe immer noch den Untertitel “Zeitmanagement der vierten Generation”, hat mir aber mit seinem völlig anderen Ansatz die Augen geöffnet.

    Das Buch, in dem auch die bekannte Geschichte von dem Glas mit den Steinen, den Kieseln und dem Sand vorkommt, erschien unter dem Originaltitel “First Things First” und bringt das Thema mit einem sehr schönen Bild auf den Punkt, indem die Uhr durch den Kompass ersetzt wird und dadurch die generelle Richtung bedeutend mehr Gewicht erhält als ausgeklügelte Zeitpläne.

    Kurz gesagt, beantwortet man sich selbst zuerst die Frage, was man wirklich in seinem Leben erreichen möchte. Erst aus diesem selbst bestimmten Lebenssinn ergeben sich die damit verbundenen Rollen und die dazugehörigen Ziele, die dann in möglichst ausgewogenen Wochenplänen Schritt für Schritt umgesetzt werden.

    Seit ich mich an der schriftlich festgehaltenen Lebensphilosophie orientiere (die ich immer mal wieder anpasse), fallen mir Entscheidungen in jedem Bereich bedeutend leichter und ich habe immer genügend Zeit für die wirklich wesentlichen Dinge. Und wenn die großen und kleinen Steine im Glas sind ist auch noch genügend Platz für das eine oder andere Bier. ;-)

    Liebe Grüße,
    Jürgen

    • meint

      Das Buch kenne ich natürlich bestens, genauso wie seine 7 Prinzipien. Die Geschichte hat mich auch beeindruckt, genauso wie der Kompass.

      Ich habe die Bücher von Covey mit grossem Gewinn gelesen, auch wenn ich dann die konkrete Umsetzung der Prinzipien zu einschränkend fand. Das mag vor 20 Jahren funktioniert haben. Heute, wo alles fliesst und sich ständig ändert, kommt man mit einer so detaillierten Planung, wie Covey sie vorschlägt, nicht mehr weit.

      Wem’s hilft: Umso besser. Hauptsache, das Bier hat noch Platz. :-)

      • meint

        Aber die Prinzipien sind doch nur das höherliegende, worauf es fußt. Wie man es letztlich umsetzt und was man davon übernimmt steht einem frei. So habe ich ihn zumindest verstanden…

        Aber bei den Themen Commitment, Potential, als auch Gewohnheiten kann man sich denke ich viel von den bei Covey erwähnten Ansätzen orientieren. Ob nun die Balance in verschiedenen Lebensbereichen, die Formulierung eines Leitbildes oder überhaupt das Feststellen und Festhalten von Prinzipien.

        Das einzige, womit ich Probleme habe ist diese sehr Ziel- bzw. Erfolgsfokussierte Streben nach einem Endzustand, was Erfolge als Prozess oder Weg minder bewertet. Achtsamkeitstheorien oder die Frage des Stellenswert momentaner Bedürfnisse spielen keine Rolle. Als vielbegabter und vielinteressierter ist das das größte Problem, dass ich mit Coveys Methoden haben, da sie wirklich zu starr sind.

  2. Jean-Jacques meint

    Hallo Ivan

    Endlich jemand im deutschsprachigen Raum der das Thema auf den Punkt bringt oder noch besser mit einem Programm auf den Punkt bringen will…

    Ich beschäftige mich persönlich seit über 10 Jahren mit dem Thema und habe im Austausch mit vielen Leuten ein System entwickelt – welches für mich super passt – es zielt eben genau auf die Festlegung der Lebensziele ab – unter Berücksichtung der Umwelt… (Eine Art Lebensstrategie – und Review). Die Effizienz kommt dann von selbst (Ich mache das mind teilen von GTD resp. ZTD Methoden – viel aber mit neuen Denkansätzen und wenns nicht anders geht mit Bundeling an sogenannten “operativen” Klausuren –> ein Tag irgendwo in Ruhe die Tasks welche auf die Strategie einzahlen abarbeiten (falls es das mal geben sollte in einer hektischen Phase).

    Auch im E-Mail gibt es wunderbare Möglichkeiten das abzubilden- ich empfehle allen mal ein Digial Sabbatical zu machen, einfach dem Umfeld mal mitteilen, dass man genug hat von den Mails… (ca 2 Monate), anschliessend Mail mit viel mehr Mass benutzen sowie eine Struktur im Sinne von: Inbox (Zero), Operativ, Strategisch, Outsourcing, Archiv, Deleted Items… aufzubauen.

    Falls Du interessiert bist, tausche ich mich gerne mal aus persönlichem Interesse mit Dir zu diesem Thema aus.

    Alle die eine Übersicht übers Thema möchten: http://www.zenhabits.net
    Interessant ist, dass auch Leo mal mit GTD angefangen hat…

  3. DavidF meint

    Hallo Ivan,

    der neue Fokus klingt sehr hilfreich und spannend :)

    Aber er steht doch nicht im Gegensatz zu klassischem Zeitmanagement, oder? Ich hätte eher gedacht, dass die alten und neuen Punkte gut ineinander greifen. Und viele Aspekte, z.B. bzgl. Gewohnheiten, waren ja auch schon etwas in ZTD vorhanden.

    Die “neue Ausrichtung” finde ich aber wirklich gut, insbesondere zu Energiemanagement würde ich gerne soviel wie möglich erfahren…

    Bin deswegen schon sehr gespannt auf deine Innovationen!
    David

  4. Daniele meint

    Hallo,

    auch ich kenne Seiwert und habe vor einigen Jahren eines seiner Bücher gekauft und gelesen. Und auch versuche neuerdings immer wieder mit Aufgabenlisten zu arbeiten. Jedoch führt meistens zu mehr Stress, da ich die ganzen Aufgaben sehe und weiss, was ich noch alles zu erledigen habe.

    Die vier von Ihnen genannten Themen habe ich dabei überhaupt nicht bedacht.

  5. meint

    Hallo Herr Blatter,

    Sie haben Recht, aber – ich möchte etwas anmerken zu Ihrer Aussage:

    >>
    Nutzen Sie nur die herkömmlichen Zeitmanagement-Methoden (bis hin zu GTD), drehen Sie einfach Ihr Hamsterrad immer schneller. Sie helfen Ihnen aber nicht, aus dem Hamsterrad zu springen. Dazu braucht es mehr, nämlich Themen wie:

    Energiemanagement: Wie kann ich meine Tanks regelmässig auffüllen?
    Gewohnheiten: Wie installiere ich Gewohnheiten, die mir gut tun und mich stärken?
    Potential: Wie kann ich all das abrufen, das wirklich in mir steckt?
    Commitment: Wozu verpflichte ich mich selbst? Will ich das? Was will ich überhaupt?
    Um diese Themen herum gruppiert sich dann die eigene Arbeit. Ist sie losgelöst davon, führt sie zwangsläufig zu Stress und Unzufriedenheit. Ist sie in mir, meinen Wünschen, meinen Visionen, meinen Ziele und meinen Talente verwurzelt, dann gelingt der Sprung aus dem Hamsterrad.
    <>>>
    Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen religiöser Überzeugung und =>/Lebensdauer/. Menschen, die religiöse [=>Religiosität] Überzeugungen haben und nach diesen leben, scheinen eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit zu haben. Außerdem sind sie offenbar zufriedener und gesünder. Das scheint etwas mit =>/Selbstkontrolle/ und Selbstregulation, aber auch mit Kontroll-Überzeugungen und =>/Kontroll-Illusion/ zu tun zuhaben.

    Studie dazu: Religion, self-regulation, and self-control: Associations, explanations, and implications.
    McCullough, Michael E.; Willoughby, Brian L. B.
    Psychological Bulletin, Vol 135(1), Jan 2009, 69-93.
    =>/Relig_self_control_bulletin.pdf/
    <<<<

    A. W.

    • meint

      Mist, Kommentar verrisssen!

      Hallo Herr Blatter,

      Sie haben Recht, aber – ich möchte etwas anmerken zu Ihrer Aussage:

      >>
      Nutzen Sie nur die herkömmlichen Zeitmanagement-Methoden (bis hin zu GTD), drehen Sie einfach Ihr Hamsterrad immer schneller. Sie helfen Ihnen aber nicht, aus dem Hamsterrad zu springen. Dazu braucht es mehr, nämlich Themen wie:

      Energiemanagement: Wie kann ich meine Tanks regelmässig auffüllen?
      Gewohnheiten: Wie installiere ich Gewohnheiten, die mir gut tun und mich stärken?
      Potential: Wie kann ich all das abrufen, das wirklich in mir steckt?
      Commitment: Wozu verpflichte ich mich selbst? Will ich das? Was will ich überhaupt?
      Um diese Themen herum gruppiert sich dann die eigene Arbeit. Ist sie losgelöst davon, führt sie zwangsläufig zu Stress und Unzufriedenheit. Ist sie in mir, meinen Wünschen, meinen Visionen, meinen Ziele und meinen Talente verwurzelt, dann gelingt der Sprung aus dem Hamsterrad.
      <<

      Ich bin ja nun auch ein Opfer des großen Selbst-, Zeit- und Aufgabenmanagement-Booms der letzen Jahre und ein leidender GTD-Anwender von der Sorte, die sich von David Allens Methode die schnelle Erlösung vom Chaos versprach, was so nun leider nicht funktionierte – nicht funktionieren konnte. Und zwar genau aus den Gründen, die Sie nennen. Das liegt nach meinem Dafürhalten aber nicht an GTD, sondern daran, dass die meisten Anwender eben nur die Startbahn betreten und bis vielleicht 20.000 Fuss hoch gehen, um in Allens Metaphorik zu bleiben.

      Würde man GTD "richtig" durchexerzieren, müsste man sich mit den von Ihnen gestellten Fragen beschäftigen (direkt oder indirekt). Das würde indes Zeit und Mühe kosten und gegebenenfalls zu Veränderungen führen, die man nicht (oder derzeit nicht) will. Der gestresste Anwender sucht ja schließlich nach der Wundermethode, die ihm die schnelle und einfache Erlösung ähh… Bewältigung seines Chaos bietet, Ursachensuche aber bringt – vordergründig – mehr Chaos. Geduld ist halt einfach nicht mehr in …

      Viele Grüße

      Andreas Wegner

      • meint

        Das war dann eigentlich als p. s. angehängt:

        p. s.: Man übersieht gerne, dass Allen (ebenso wie Covey) einen spirituellen/religiösen Background hat, der ihm Antworten auf die von Ihnen genannten Fragen bieten kann, was man (sehr pauschal formuliert) für die amerikanischen Kunden dieser Herren ebenfalls annehmen kann. Ich wage einfach einmal die Behauptung, das vielen deutschsprachigen Anwendern ein derartig enger Bezug zwischen Spiritualität und Selbstorganisation (oder wie man das auch nennen mag) fehlt. Etwas abseitig: Mein Zettelkasten sagt unter 39.1:

        >>>>
        Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen religiöser Überzeugung und =>/Lebensdauer/. Menschen, die religiöse [=>Religiosität] Überzeugungen haben und nach diesen leben, scheinen eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit zu haben. Außerdem sind sie offenbar zufriedener und gesünder. Das scheint etwas mit =>/Selbstkontrolle/ und Selbstregulation, aber auch mit Kontroll-Überzeugungen und =>/Kontroll-Illusion/ zu tun zuhaben.

        Studie dazu: Religion, self-regulation, and self-control: Associations, explanations, and implications.
        McCullough, Michael E.; Willoughby, Brian L. B.
        Psychological Bulletin, Vol 135(1), Jan 2009, 69-93.
        =>/Relig_self_control_bulletin.pdf/
        <<<<

        A. W.

  6. Friedhelm Orlikowski meint

    In dem eigenen Überlegen, mit dem Geschenk der Zeit in angemessener Weise umzugehen, ist m. E. nicht der erste Schritt, Ziele zu definieren. Es geht um die viel grundsätzlichere Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens. Was soll dem eigenen Sein, Tun und Verhalten bleibenden Sinn geben? Der Sinn, der auch dann noch gilt, wenn man persönlich alt, vielleicht auch krank und nicht mehr leistungsfähig ist. Dann wenn man in der Krise lebt. Dieser Sinn steht als Überschrift über dem eignen Leben. Daraus folgen dann die einzelnen Themen, also Ziele. Und schließlich gilt es, täglich sinnvoll zu leben. Das bedeutet, in sinnvollen Aktivitäten das umzusetzen, was den persönlich erkannten Sinn entspricht. Täglich so Sinn erfahren bedeutet erfüllt zu leben.

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